Unterwegs im PSZ
Aus PSZ-Wiki
Praktikumsbericht von Miguel Temprano
Als ich beim PSZ anfing, hatte ich die Bilder einer langen Reise noch frisch im Kopf. Aus mehreren Gründen hatte ich mich nach der Zeit in verschiedenen Ländern der Welt für etwas ganz anderes entschieden, als das was für mich „vorgesehen“ war und ich brauchte nur noch ein wenig Mut und Hilfe, den Schritt machen zu können.
Schwarzarbeiter aus Nepal auf den Teeplantagen von Malaysia, Flüchtlinge aus Peru auf dem Plaza de Armas von Santiago de Chile, Mönche aus Tibet in Nordindien, das Erbe von verlorenen Schicksalen unter den Khmer Rouge in Cambodia … Und überall Kinder, „unsichtbare“ kleine Menschen, die zu niemandem gehörten, die nichts hatten, die nichts waren… alle sind lebendige Erinnerungen meiner Reise, die mich dazu bewegt hatten, beim PSZ anzurufen. Was ich nicht wusste, war, dass als Praktikant beim PSZ noch eine andere lange Fahrt auf mich wartete.
Meine erste Erinnerung aus Zentrum ist der Geruch. Es war eine angenehme Mischung aus indischen Gewürzen, frisch gekochtem Gemüse, Obst, Zitronen..., die mich sofort entspannen ließ und meine Neugier noch mehr weckte. Ich war ein wenig zu früh und so hatte ich Zeit ein bisschen rum zu schauen. Ich hatte den Eindruck, dass alles sehr bunt war, fröhlich, irgendwie feminin, halt beruhigend. Ringsherum herrschte eine Art von kontrolliertem Chaos, einige von Kindern gemalten Bilder an der Wand, Flyer von vielen Menschenrechtsorganisationen oder Veranstaltungen, eine rote Matratze auf dem Flur (wofür? dachte ich), hier und da verteiltes Kinderspielzeug. Dann sah ich, dass links von mir eine Frau saß. Sie wirkte traurig und müde. Ich schaute sie an, sie bemerkte es und ich grinste, aber sie ignorierte mich, wechselte den Platz und sagte etwas auf einer mir unbekannten Sprache zu dem kleinen Jung, der bei ihr war. Er antwortete nicht, drehte sich um und fing an etwas zu suchen in einem Haufen Spielzeug, als wenn er gerade nichts gehört hätte. Ich weiß noch, dass ich sofort mit ihm spielen und mich zu ihm setzen wollte. Doch dann kam noch eine Frau, die mich herzlich begrüßte und fragte, ob ich nicht etwas trinken wollte. Mehr aus Höflichkeit als aus Lust sagte ich nein. Sie ging dann zu der anderen Frau und unterhielt sich mit ihr. Ich wusste nichts über die beiden Damen, weder von der, die vorher neben mir saß, noch von der, die mich so nett gegrüßt hatte. Die erste saß jetzt auf der roten Matratze und redete kaum, bejahte oder verneinte mit dem Kopf und sah unendlich traurig aus. Die zweite verlor nie ihr Lächeln, redete langsam und leise, mit einer Hand auf dem Oberschenkel. Das Kind blieb ein bisschen am Rand, so als wenn es daran gewohnt wäre, nicht so präsent zu sein. Ich wollte immer noch zu ihm, aber ich hätte wegen meines Termis kaum Zeit gehabt, mich mit ihm anfreunden zu können. Außerdem nahm die Szene mit den beiden Frauen sowieso meine ganze Aufmerksamkeit ein… und dann kam noch eine andere Frau zu mir, grüßte wieder ganz herzlich, bedankte sich für meinen Besuch und bat mich zum Vorstellungsgespräch in ihr Büro.
Seitdem sind ein paar Monaten vergangen und auch wenn manchmal immer noch wie ein kleines Rätsel, verstehe ich jetzt viel besser die bunte Collage von Gerüchen und Gefühlen, die ich in meiner damals ersten Stunde beim PSZ spüren konnte.
Als Praktikant will man immer ein bisschen überall sein. Wahrscheinlich ist der Grund dafür eine Mischung aus Neugier und Begeisterung.
Hospitieren zu dürfen, weil es nicht immer geht, ist sicherlich die spannendste Aufgabe, aber auch die komplexeste. Hinter den Stunden in denen man beim Klientengesprächen sitzt und hört, welche Umstände sie in diesen Raum gebracht haben, steht ein ganzes Leben.
Ihre Geschichten können von so einer primitiven Gewalt sein, dass es kaum vorstellbar ist, dass sie statt gefunden haben oder wie diese Männer und Frauen es überhaupt geschafft haben bis heute zu überleben. Ich habe immer fest geglaubt, dass man ohne Vergangenheit eigentlich nicht weiß, wer man ist. Ich hatte aber nicht ernsthaft gedacht, wer man ist, wenn die Vergangenheit nur eine Reihenfolge von geklauten, gezwungenen oder gelöschten Gefühlen und Erinnerungen ist. Wo steht man da, wie kann man sich als lebendige Person finden?
Ihre Erzählungen können aber auch diskret sein, nicht so beeindruckend, leise Tragödien. Menschen, die versuchen, sich durch die Welt und das Leben zu schlagen und es nicht wirklich können, weil entweder Papiere oder Behörden (andere Menschen!, denke ich mir immer) dafür sorgen, dass sie es so schwer haben. Bis sie irgendwann ihren „Traum“ aufgeben. Ich versuche mir immer vorzustellen, was für diese Leute ihre Niederlagen bedeuten. Was sie abends denken, wenn sie ihre Wut oder ihren Schmerz oder ihre Einsamkeit nicht mitteilen können, wie schmal für sie der Grat zwischen Hilflosigkeit und Demütigung ist, wenn ihnen endgültig das Recht abgesprochen wird, unter uns zu leben.
Wenn ich hospitiere, werde ich nicht nur mit dem Horror von anderen und mit meiner Angst vor der Angst konfrontiert. Ich sehe auch, wie die Erlebnisse bearbeitet werden, wie das Puzzle des Geschehens zusammen gefügt wird, um die Gegenwart nachvollziehen zu können. Da gibt es sicherlich eine Menge von Wissen und Erfahrung, aber ich glaube, das erste Werkzeug aller Therapeutinnen im PSZ ist erst mal ein unendliches Mitgefühl.
Die Unterstützung und Begleitung von Jugendlichen ist eine der anderen Hauptaufgaben des PSZ und, wie ich es sehe, auch der Praktikanten. Viele von ihnen leiden unter post-traumatischen Erkrankungen. Sie fühlen sich nicht oder sind nicht in der Lage, aus eigener Initiative vieles zu unternehmen. Deshalb ist es aber umso erfreulicher, wenn man es schafft, sie zu Aktivitäten zu bewegen.
Ich sehe sie wie eine Art Luftballon. Irgendwie spürt man, dass ihre Kreativität kein Ende hat, wenn sie energiegeladen sind. Sie lachen laut, sie spielen Musik, sie haben Lust zu reden und sie kommen nah ran. Man hat das Gefühl, sie sind ganz „normale“ junge Menschen, mit den gleichen Interessen, Sorgen und Träumen aller anderen Jungen und Mädchen. Es ist dann eine unbeschreibliche Freude, eine Art von witzigem gemütlichen Gefühl, mit ihnen im Kreis um die Trommeln zusammen zu sitzen. Ihre Körper sind da. Sie sind nirgendwo anders, sie müssen vor niemandem weglaufen, nichts fürchten, keine Armee, keine Verfolger. Ihre Seelen sind dann leicht, man würde sagen, sie können fast schweben, so wie volle Luftballons. An anderen Tagen gucken sie einem nicht in die Augen. Sie grüßen ganz leise. Und man sieht, dass sie keine Teenager sind, die „nur“ einen Streit zu Hause erlebt haben, oder die „nur“ von ihrem Freund oder ihrer Freundin verlassen wurden. Sie sitzen da und warten schweigend. Doch man kann beinahe hören, wie laut es in ihren Köpfen ist, fast sehen, wie schnell sich alles vor ihren Augen bewegt. Sie sind da, nur mit sich selber und ihrer Vergangenheit. Und dann schämt man sich, versteckt sich, schweigt, man fühlt sich klein. Sie sind wie wunderschöne Luftballons, die jetzt ohne Luft unauffällig in einer Ecke liegen.
Aber beim PSZ gibt es trotz allem auch lautes Lachen. Kinder aus aller Welt bringen Krach und Chaos ins Zentrum. Leben letztendlich. Einige der Kinder werden auch therapiert, aber meistens begleiten sie ihre Eltern, die zur Therapie kommen, und müssen betreut werden. So hat man die unbezahlbare Chance, in ihre Welten einzutauchen und ihre Königreiche auf der, an meinem ersten Tag geheimnisvollen Matratze am Eingang des PSZ besuchen zu dürfen. Die Sicht der Welt von den kleinen Menschen ist immer faszinierend, einzigartige Beobachter von da "unten", von dem, was hier "oben" passiert. Die Kleinen saugen immense Mengen Energie und, wenn sie ungeduldig werden, können eigene Argumente und Ideen ganz schnell erschöpft sein. Aber wenn man sich ein bisschen Zeit für sie nimmt, nehmen sie einen bei der Hand auf eine Reise durch Kosovo, Iran, die Türkei, Angola, Albanien, den Kongo... Man muss nur aufmerksam sein und ganz genau zuhören. Dann wird es einfacher, die Koffer rechtzeitig fertig zu haben und mit ihnen zu gehen.
Wenn man beim PSZ tätig ist, möchte man, dass dort allen Flüchtlingen Deutschlands geholfen wird. Die Realität ist aber eine andere. Es gibt noch weitere Menschen, die Hilfe suchen und sie nicht so einfach finden. Bei der Telefonberatung merkt man, wie schwer es für manche ist, die richtige Schiene zu finden, die richtigen Leute am anderen Seite des Apparats. Es ist frustrierend mit Menschen zu reden und zu wissen, dass es relativ ist, was man für sie machen kann. Eine ewige Warteliste beim Zentrum zwingt meistens dazu, dem Anrufer etwas anderes zu empfehlen, eine schnellere Lösung zu finden für ihren oft dringenden Bedarf. Und wenn ich das Telefon auflege, bleibt die Stimme noch kurz in meinem Kopf, die ich gerade am Apparat hatte. So wie ein Basssound, ein leichtes Echo. Dann denke ich mir auch noch kurz nach dem Gespräch, wie sie reagieren, da wo sie sind. Ob das was ich gesagt habe, ihnen weiter geholfen hat, ob die Telefonnummer richtig war, die ich ihnen gegeben habe, ob überhaupt irgendjemand zuhören wird. So fühle ich einen Stich im Magen und will möchte am liebsten zurück rufen und sagen << kommen Sie doch mal vorbei >>... bis das Telefon noch mal klingelt und es wieder jemanden gibt, der noch einen ersten Schub in die richtige Richtung braucht. Und dann versuche ich wieder, was zu sagen und will fest glauben, dass es vielleicht für sie schon genug ist, wenn ich (nur eine Stimme ohne Gesicht) überhaupt zuhöre und mitdenke...
Ja. Es gibt definitiv ein sehr vielfältiges Spektrum von Aufgaben, die man im PSZ übernehmen kann und man braucht nicht unbedingt konkrete Aufgaben, um beschäftig zu sein. Und gerade in einem Bereich und einer Welt, in der interkulturelle Aspekte eine zunehmende Rolle spielen, müsste man besonders vorsichtig und nachdenklich mit so vielen unbekannten Kulturen umgehen. Da hat man als Praktikant noch das kleine Privileg, an verschiedenen Veranstaltungen und Vorträgen teilnehmen zu dürfen, unter denen sich das „Diversity Training“ hervorhebt. Dort, durch die Information von Migranten und fachlichen Beratern, lernt man den Umgang mit kulturellen Unterschieden wahrzunehmen, gelassen damit umzugehen... So verwandelt sich eine Sitzung mitten in der Woche in eine Lektion über Togo, Süd-Asien oder Sri Lanka, eine zum Teil beeindruckende Erfahrung, die Sinne und Augen öffnet, manchmal erschreckend, manchmal witzig, aber immer bereichernd und nötig.
Das PSZ ist so letztendlich eine Fahrt, die durch Länder geht, die viele Menschen auf einer Landkarte fast nicht zu finden wüssten. Durch unterschiedlichen Leute und Farben. Aber über alles durch Gefühle. Es gibt auch einen kleinen Bahnhof: die Küche ist der Treffpunkt, wo alle Züge genommen werden, wo die Mischung dieser bunten Collage am auffälligsten ist, wo die Gerüche von Delikatessen aus allen Länder her kommen. Da wünschen sie sich alle gute Fahrt und gehen ihre Wege. Das wünsche ich auch allen, die ich da treffe. Von Herzen...
Übrigens: ich habe wieder die Frau gesehen, die an meinem ersten Tag so traurig und müde aussah. Auch das Kind, das mit ihr da war. Die Therapeutin redet immer noch langsam, leise, und lässt immer noch die Hand auf ihrem Oberschenkel ruhen. Das Kind ist lauter und auffälliger geworden. Die traurige Frau wirkt nicht mehr so müde und auch nicht so traurig. Und sie lächelt, wenn ich sie grüße.


