Therapie mit DolmetscherInnen

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Transkulturelle Psychotherapie mit traumatisierten Flüchtlingen unter Mitwirkung von DolmetscherInnen[1]

Aufgrund zunehmender kultureller Heterogenität der Gesellschaft besteht die Notwendigkeit transkultureller psychotherapeutischer Kompetenz, zu der auch der professionelle Einsatz von qualifizierten DolmetscherInnen gehört. Denn die sprachliche Verständigung ist die Grundvoraussetzung jeglicher therapeutischer Intervention, diese ist aber nicht in jedem Fall über eine gemeinsame Sprache des Therapeuten und Klienten gegeben. Kritische Stimmen bezweifeln das Gelingen einer Psychotherapie mit DolmetscherInnen. Demgegenüber steht die Realität, dass selbst in psychiatrisch-psychotherapeutischen Einrichtungen mit mehrsprachigen Therapeuten nicht alle Sprachen abgedeckt werden können und DolmetscherIn hinzugezogen werden müssen. Unzureichend wäre es allerdings, die DolmetscherIn als mechanistischen Sprachmittler zu betrachten. Durch den Einsatz von DolmetscherInnen erweitert sich die traditionelle Therapeut-Klient-Dyade zu einem triadischen Beziehungssystem. Dabei erfordert das professionelle Setting die Einhaltung der Regeln der Kunst zum Gelingen des therapeutischen Prozesses und zum Schutz der DolmetscherIn beispielsweise vor einer sekundären Traumatisierung. Der Beitrag behandelt die speziellen Erfordernisse und Probleme in der Psychotherapie unter Beteiligung von DolmetscherInnen.

Inhaltsverzeichnis

Geht denn das überhaupt - Therapie mit DolmetscherInnen?

„Psychotherapie mit Dolmetschern? Das geht nicht! Und erst recht nicht bei traumatisierten Patienten.“ (deutsche Psychotherapeutin, 57 Jahre, während einer Fortbildung)

Die Meinung dieses Psychotherapeuten, dass der Einsatz von DolmetscherInnen im psychologisch-psychiatrisch-medizinischem Arbeitsfeld ungewöhnlich und schwer handhabbar ist, vertreten immer noch viele in Deutschland.

Natürlich können subtile Aspekte der Sprache nicht in jedem Fall durch DolmetscherInnen wiedergegeben werden, mit z.B. der Konsequenz: dass die Psychodiagnostik erschwert ist oder dass die Relevanz von nonverbalem Verhalten steigt. Aber der Tatsache, dass sprachliche Verständigung die Grundvoraussetzung jeglicher therapeutischer Intervention ist, und „Psychotherapie ohne den Austausch von Worten und der damit verbundenen tiefen Bedeutung… nicht durchgeführt werden kann und muttersprachliche Therapeuten eine Lösung wären“[2], steht die Realität gegenüber, dass selbst in psychiatrisch-psychotherapeutischen Einrichtungen mit mehrsprachigen Therapeuten nicht alle Sprachen abgedeckt werden können und der DolmetscherInneneinsatz unverzichtbar bleibt [3].

„Aus fachlicher Sicht ist ihr Einsatz in hohem Maße gerechtfertigt, denn er erleichtert nichtdeutschen Patienten die Inanspruchnahme psychiatrischer/psychotherapeutischer Hilfe, reduziert diagnostische Unsicherheiten auf Seiten der Behandler und hilft oftmals stationäre Einweisung zu verhindern.“ [4].

Aus unserer Sicht besteht die Notwendigkeit sich weniger mit dem Ob, als mit dem Wie eines möglichst störungsfreien Settings zu beschäftigen, d.h. zum einen aufmerksam zu sein für die typischen Fehlerquellen (vgl. Abb. 1) beim Einsatz, um mögliche Verzerrungen zu minimieren und zum anderen mit den Regeln für ein gelungenes Dolmtschersetting vertraut zu sein.

Mögliche Fehlerquellen im Setting mit DolmetscherInnen

  • Auswahl des/der DolmetscherIn nicht geeignet
  • Zuwenig Zeit für Beziehungsaufbau
  • Keine verständliche Rollenklärung
  • Sprache nicht angepasst (DolmetscherIn überfordert)
  • Indirekte Ansprache
  • Vernachlässigen von non- und paraverbalen Verhaltensweisen
  • zuwenig Respekt in Kommunikation
  • Vernachlässigen der kollektiven Sicht des/der KlientIn / zuwenig klientenzentriert

Regeln für transkulturelles Dolmetschersetting

Angepasste Auswahl der DolmetscherIn

Ein gelungenes Dolmetschersetting beginnt in der Vorbereitung und impliziert eine angepasste Auswahl der DolmetscherIn für eine bestimmte KlientIn. Unterschätzt wird in der Praxis die Kumulation von Fehlern und Missverständnissen in der triadischen Beziehung allein aufgrund der Auswahl einer nicht geeigneten DolmetscherIn. „Geeignet“ ist eine DolmetscherIn dann, wenn es eine Passung gibt, zwischen DolmetscherIn und KlientIn, so dass Vertrauen und Verständnis in einer angstfreien Beziehung möglich sind. „Passung“ erfordert vom Therapeuten sich über die Besonderheiten der KlientIn und der Merkmale der DolmetscherIn bewusst zu sein.

Die Spezifika des Klienten können durch die Symptomatik bedingt sein, wie z.B. störungsbedingte Konzentrationsstörungen bei Traumatisierten, möglicherweise die Unfähigkeit bestimmte Gedächtnisinhalte abzurufen, zu erinnern und diese zu versprachlichen. Diese störungsbedingten Spezifika beeinflussen die Sprachfähigkeit bzw. Sprachunfähigkeit der Klientin. Daneben kann die Sprachfähigkeit auch beeinflusst sein von allgemeinen Aspekten wie Mehrsprachigkeit oder mehrfache/doppelte Halbsprachigkeit.

Hinzu kommt, dass traumatisierte Flüchtlinge häufig extreme Erfahrungen von Kontrollverlust, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Ausgeliefertsein erlebt haben. Nicht verwunderlich sind daher Ängste, anderen Menschen zu vertrauen. Vermeidungsverhalten und Gefühlsdimensionen wie Misstrauen, Scham, Schuld, Angst oder Wut sind Themen, die die Kommunikation zu Dritt beeinflussen. Um diesem Aspekt Rechnung zu tragen, sollten bei der Wahl der „geeigneten“ DolmetscherIn soziodemographischen Merkmale wie Geschlecht, Alter und Bildungsniveau und der gesellschaftliche Status der KlientIn und der DolmetscherIn, die im Herkunftsland und Deutschland variieren können, berücksichtigt werden. Denn eine effektive und störungsfreie Kommunikation in der Psychotherapie ist vor allem abhängig vom Beziehungsaspekt. Beziehung wiederum ist abhängig von den gegenseitigen Erwartungen, die es aufgrund von Generation, Geschlecht, Bildungsniveau aber auch Kultur (vgl. Ackermann, 2004) und Herkunft geben kann. Je nach politischen Rahmenbedingungen in Herkunftsland kann die „Passung“ der KlientIn und des DolmetscherIn unterschiedlich sein (vgl. Abb. 2).

Aspekte von Herkunft und Kultur

  • Beispiel Tschetschenien: 1 Millionen Tschetschenen weltweit, enge kollektivistische patriarchale Gesellschaftsstruktur, jahrelanger Bürgerkrieg/russische Besatzung, innere Spannungen (Islamisierung / „Bruderkrieg“), Ehrenkodex
    • Geeignete DolmetscherInnen: z.B. aus Kasachstan (falls russischsprachig)
  • Beispiel Sri Lanka: Tamil Tigers LTTE weltweit organisiert; Bürgerkrieg gegen singhalesische Regierung im Norden; zwei verfeindete tamilische Parteien
    • Genaue Kenntnis des politischen Hintergrundes unabdingbar (von Exploranden/Klienten und von DolmetscherIn)
    • Gut geeignet: 2. Generation, aus anderer Stadt in Deutschland, ähnlicher politischer Kontext

Sicherlich kann man einwenden, dass es „passende“ DolmtscherInnen, die all diesen Kriterien genügen, nicht immer geben wird, umso bedeutender ist dann, die Persönlichkeit dieser „dritten“ Person, seine politische, ethnische und religiöse Orientierung, und seine beruflich professionelle Haltung.

Die professionelle Haltung eineR DolmetscherIn setzt die Kenntnis der Grundregeln des Settings voraus, zu denen Neutralität, Unbefangenheit, Schweigepflicht und transkulturelle Sensibilität gehören. Bei der Foderung nach Neutralität darf in diesem Kontext nicht außer Acht gelassen werden, daß es sich um ein Individuen mit subjektiven Wahrnehmungen handelt, und es insofern eine absolute Neutralität per se nicht geben kann, wenn wir realistisch sind. Es geht also eher um einen bewussten Umgang der dolmetschenden Person mit ihrer Rolle. Daher ist der Begriff der „reflektierten Subjektivität“ sicher die genauere Bezeichung (s.u.).

Transkulturelle Sensibilität setzt ein Bewusstsein für die Kulturgebundenheit der eigenen Wahrnehmung und damit die Relativität eigner Wertungen voraus. Es impliziert die Reflektionsfähigkeit bzgl. eigener Haltungen und dem Einfluss eigener Migrationserfahrungen, die zu unterschiedlichen Loyalitätsbezügen führen können [5]. Ferner bedeutet es soziale und kommunikative Kompetenz, sich verbal und nonverbal in beiden Sprachen und Kulturen akzeptabel und verständlich ausdrücken zu können und evtl. Erwartungsdifferenzen aufgrund des transkulturellen Settings wahrzunehmen.

Reflektierte Subjektivität. Vorstellungen vom so genannten Briefträgermodell oder Telefonleitungsmodell, bei dem „neutrale“, quasi-unsichtbare DolmetscherInnen Botschaftsüberbringer sind und es unwesentlich ist, welche geschlechtliche, parteiliche, ethnische oder sonstige Zugehörigkeit besteht, gehören der Vergangenheit an. Zugehörigkeiten der DolmetscherIn und der KlientIn und deren evtl. vorhandenen divergenten Haltungen können in der Realität kaum hundertprozentig neutralisiert werden. Neutralität bedeutet daher aus unserer Sicht reflektierte Subjektivität, d.h. dass z.B. DolmetscherIn und KlientIn durchaus unterschiedliche politische Couleur haben können. Der Umgang damit sollte das Gespräch aber möglichst gering beeinflussen. TherapeutIn und möglichst auch DolmetscherIn sollten die emotionale Dimension von Nähe und Fremdheit im Gespräch durch Erwartungen bzgl. Inkongruenzen/Kongruenzen des Erfahrungshintergrundes bewusst sein.

Unbefangenheit bedeutet, dass es z.B. keine persönlichen oder gar verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen der DolmetscherIn und der KlientIn geben darf. Die Befangenheit der DolmetscherIn kann auch inhaltlich durch bestimmte Themen der KlientIn ausgelöst werden, was nicht unwahrscheinlich ist, wenn beide aus dem gleichen Herkunftsland kommen und die gleichen Unruhen oder Kriege erlebt haben. Es können ebenso familiäre oder sonstige Aspekte sein, die Wut oder Trauer etc. auslösen können. Diese Befangenheit kann sich in Form von Überidentifikation mit der KlientIn, oder aber durch völliges Distanzieren und Ablehnen der KlientIn äußern. Ein Beispiel: Die iranische Dolmetscherin, die aus einer oppositionellen Familie stammt, entdeckt im Gespräch, dass der Klient regimetreu war und aktiv war in der Verfolgung der Opposition in der Heimat, schließlich aber selbst flüchten musste. Hier bahnt sich eine Täter-Opfer-Problematik an, die die Haltung und Beziehung zwischen der Dolmetscherin und dem Klienten enorm beeinflusst.

Schweigepflicht ist nicht nur eine juristische Pflicht, sondern Voraussetzung, um der KlientIn ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen zu geben. Es muss für die KlientIn gewährleistet sein, dass das Gesagte nicht nach Außen dringen wird. Sollte es notwendig werden im Rahmen einer psychotherapeutischen Stellungnahme Informationen z.B. an Behörden zu geben, muss Transparenz bestehen, welche Informationen nach Außen getragen werden. Dem berechtigten Misstrauen von KlientInnen kann entgegnet werden, indem der eigennützige Sinn die Schweigepflicht auch für die PsychotherapeutIn und der DolmetscherIn benannt wird, dass z.B. die eigene Arbeitsstelle und Seriosität davon abhängig sind, diese Regel einzuhalten.

Angemessene Kommunikation

Der Sprache des Gegenübers nicht mächtig zu sein, stellt per se schon eine Situation dar, in der sehr starke Abhängigkeitsgefühle aktiviert werden können. Insbesondere, da es in der Regel in der Psychotherapie um subjektiv belastende Themen von teilweise existentieller Bedeutung geht, ist es nachvollziehbar, dass fehlende Sprachkenntnisse für die Klienten einen enormen Stressfaktor darstellen.

Eine angemessene Kommunikation in der triadischen Konstellation kann eine „sichere“ Atmosphäre schaffen und auf diese Weise diesen Stressfaktor minimieren. Voraussetzung ist zwangsläufig die Sprachfähigkeit der DolmetscherIn, die nach Möglichkeit vor dem ersten Gespräch in einem Testlauf in einem einfachen Gespräch mit geringer Tragweite geprüft werden kann. Dieser Aufwand lohnt sich, da bei Psychotherapie eine langfristige Dolmetscherkonstanz für den Prozess angestrebt wird. Wenn grundsätzlich die Sprachkompetenz der DolmetscherIn in der gewünschten Sprache oder Dialekt belegt ist, sollten einige Grundsätze für das setting vereinbart werden. Dazu gehört z.B. eine an die KlientIn angepasste Wortwahl. TherapeutIn und DolmetscherInnen sollten sich immer an dem Sprachniveau der Klientin orientieren und dabei natürlich das Bildungsniveau der KlientIn berücksichtigen. Die therapeutischen Interventionen in direkter Rede an die KlientIn gerichtet vor allem in angepasster Wortwahl kann für die TherapeutIn eine Herausforderung sein. Denn trotz komplexer Hypothesen, die sie im Hinterkopf haben mag, liegt es in ihrer Verantwortung, die Fragen so in Form zu bringen, dass die DolmetscherIn sie konsekutiv übersetzen kann. Für die DolmetscherIn besteht darüber hinaus das Problem der Lexik, d.h. dass Begriffe regional unterschiedlich lauten können oder verstanden werden oder dass Begriffe aus dem hoch differenzierten Land Deutschland, in einem anderen Land unbekannt sind [6]. Auch soziokulturelle Aspekte der Sprache können zum Tragen kommen, wie z.B. die Formulierung „wir“ statt „ich“ oder „die Kinder kamen nach“, statt „meine Frau und Kinder kamen nach“.

Doch neben der Bedeutung einer klaren, direkten Sprache spielt gerade im transkulturellen Dolmetschersetting der para- und nonverbaler Kontakt eine enorme Rolle. Der schweigende, zuhörende Anteil der TherapeutIn steigt und einen „unsichtbaren“ Dolmetscher gibt es nicht, daher ist es unverzichtbar für beide Seiten sich über den Einfluss ihrer Gestik, Mimik und Ton für den Gesprächsablauf bewusst zu sein.

Beziehungsgestaltung als Triade mit klaren Rollenverteilungen

Der Dolmetschereinsatz setzt bei DolmetscherInnen und TherapeutInnen kommunikative Kompetenzen voraus. Angelehnt an das Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun (1992) wird die störungsfreie Weitergabe von Sachinhalten zwischen Sender und Empfänger maßgeblich beeinflusst durch den emotionalen Gehalt der Beziehungsseite und die Empfangsgewohnheiten der Beteiligten. Abb. 3

In einem psychotherapeutischen Setting unter Mitwirkung von DolmetscherInnen sind es drei Personen, die beteiligt sind. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Nachricht „gefärbt“ übermittelt wird, deutlich höher, da jede dieser drei Personen sowohl Sender als auch Empfänger einer Nachricht ist. An jeder Stelle gibt es demnach gewisse „Filter“, die die Nachricht verändern können, sei es durch mit Scham besetzte Inhalte, durch Gewohnheiten oder auch durch Verzerrungen, die in der sprachlichen Übersetzung entstehen.

„Nachrichten“ im Sinne Schulz von Thuns können in diesem Setting demnach permanent Veränderungen unterliegen, die nicht in jedem Fall zu verhindern sind, da sie durch relativ stabile Eigenschaften der beteiligten Personen entstehen. Daher ist für die TherapeutIn ein Bewusstsein über diese Transformationen notwendig und hilfreich, ihre Fähigkeit zur Metakommunikation wahrzunehmen und dabei nicht nur die KlientIn, sondern auch die DolmetscherIn mit im Blick zu haben.

DolmetscherIn und TherapeutIn bilden in dieser Konstellation ein Arbeitsbündnis, bei welchem beide unterschiedliche Aufgaben haben. Während die DolmetscherIn für die sprachliche Verständigung verantwortlich ist, entscheidet und steuert die TherapeutIn den Gesprächsverlauf. Das Arbeitsbündnis und die Klärung der Verantwortlichkeiten werden durch das Vor- und Nachgespräch manifestiert. Im Briefing vor der Therapiesitzung wird die DolmetscherIn von der TherapeutIn informiert über die KlientIn, das Gesprächsziel, ferner über formale Fragen der Methode des Dolmetschens (Ich-Form; konsekutiv; direkte Rede) und Kostenfragen.

Ebenso relevant sind spezifische Kontextinformationen, zu denen die Realitäten gehören, in denen z.B. Flüchtlinge leben, aber auch das Rahmenkonzept des therapeutischen Settings an sich. Dieses Grundverständnis von der Therapiesituation und –methode ist unersetzlich, um adäquat übersetzen zu können[7].

Genauso sollte nach dem Gespräch ein Debriefing erfolgen. Gerade für neue DolmetscherInnen sind diese kurzen Vor- und Nachgespräche wichtig, um z.B. Missverständnisse zu klären, (sprachliche) Eindrücke mitzuteilen oder um die evtl. bei der DolmetscherIn entstandenen Emotionen mitzuteilen und aufzufangen, und langfristig psychischen Belastungen der DolmetscherInnen[8] und sekundärer Traumatisierung präventiv entgegenzuwirken.

Briefing

  • Notwendige Infos für DolmetscherIn
  • Evtl. Gesprächsziele bestimmen
  • Vereinbarung der Methode des Dolmetschens
  • Einsatz/-Kostenfragen

Debriefing

  • Nur zwischen Auftraggeber und DolmetscherIn
  • Eindrücke des DolmetscherIn können mitgeteilt werden
  • Evtl. im Gespräch entstandene Emotionen des DolmetscherIn abbauen
  • Formalitäten

Die TherapeutIn muss hauptsächlich während des Gesprächs darauf achten, ob das Arbeitsbündnis aufrecht bleibt und bei Unklarheiten den Verlauf steuern. Bemerkt die TherapeutIn z.B. eine Diskrepanz zwischen der Länge der Antwort der KlientIn und der Übersetzung oder eine inhaltlich unlogische Antwort auf die eingangs gestellte Frage, muss sie durch unmittelbares Nachfragen klären, ob es sich um ein sprachliches oder inhaltliches Missverständnis handelt. Sie sollte auch prüfen, ob die Diskrepanz vielleicht ein Ausdruck der Vermeidungstendenz der KlientIn und damit auch Ausdruck ihrer Symptomatik ist. Wird eine solche Diskrepanz zwischen dem Gesagtem und dem Gemeinten festgestellt, ist zeitnahes Reagieren und Klären notwendig, da sich der Verzerrungsgrad zwischen dem Gesagtem und dem Gemeinten in Abhängigkeit von der Zeit und von Gesprächseinheit zu Gesprächseinheit vergrößert und schließlich nicht mehr von den GesprächsteilnehmerInnen nachvollzogen werden kann. Die Beschreibung der Sprache der KlientIn im Nachgespräch mit dem DolmetscherIn kann auch helfen die Sprachfähigkeit der Klientin zu erkennen.

Anderseits kann während des Gesprächs der Eindruck entstehen, dass das Gespräch ohne Probleme verläuft, während es tatsächlich zu schwerwiegenden Missverständnissen kommt, weil Inhalte falsch oder ungenau wiedergegeben werden oder relevante Informationen unausgesprochen bleiben (aus Scham, Wut o.ä.). Ob das so verläuft hängt oft von der Qualität des Vorgesprächs mit dem DolmetscherIn zusammen. Konnte ein Arbeitsbündnis hergestellt werden, in der die Möglichkeit besteht offen zu sagen, wenn der DolmetscherIn etwas nicht verstanden hat oder übersetzen kann? Denn Sprachfähigkeit des DolmetscherIn bedeutet sich am Sprachniveau zu Klienten zu orientieren und weder das Niveau seiner Übersetzung hoch zu schrauben noch aus Unkenntnis zu verringern. Gibt es unausgesprochenen Loyalitätserwartungen oder -enttäuschungen und Misstrauen zwischen DolmetscherIn und KlientIn, da aufgrund einer vermeintlichen „gleichen Kultur“ recht differente unausgesprochene Handlungserwartungen entstanden sind? Oder spielen gerade Übertragung und Gegenübertragungsphänomene in diesem triadischen Beziehungssystem eine Rolle [9]? Bei Problemen zwischen DolmetscherIn und Klienten ist bedeutend, nicht nur mit der DolmetscherIn ein Nachgespräch zu führen, sondern direkt nach der Sitzung bei der KlientIn allein ohne DolmetscherIn nachzufragen und ggf. einen DolmetscherInwechsel anzusprechen.

Gestaltung des transkulturellen Settings mit DolmetscherInnen

Therapeutische Arbeit mit DolmetscherInnen schafft ein setting, dass von TherapeutInnen verantwortungsvolle Steuerung abverlangt. Es ist eine Kommunikationssituation, in der er auf die BündnispartnerIn DolmtscherIn angewiesen ist, aber letztlich hat die TherapeutIn die „Amtautorität“. Die BehandlerIn ist dominant und kann die Beziehung auf vielfältige Weise definieren, zum Beispiel schon durch die Art der Anrede, durch unangebracht distanziertes Verhalten, durch Unklarheit der Sprache usw. [10].

Somit sind auch hier die Spezifika der meisten interkulturellen Kommunikationssituationen gegeben, nämlich die Verschränkung von Machtgefälle und Kulturdifferenz[11]. Die Vorgaben der TherapeutIn – häufig non-verbal vermittelt - werden von der DolmetscherIn und KlientIn in der Regel angenommen. Insofern ist es für die TherapeutIn bedeutsam, von vornherein die Verantwortung für die Gesprächsinhalte und den Verlauf zu übernehmen und nicht die DolmetscherIn damit zu überfordern.

Zur Berücksichtigung des transkulturellen Settings in der Flüchtlingsarbeit gehört die Einnahme einer Haltung als GastgeberIn, da das zu einer größeren kulturellen Verständigung und Respekt führen kann, aber auch eine bessere Grundlage für die Zusammenarbeit schafft. Diese Haltung erleichtert auch die Aufwärmphase zur Schaffung einer vertrauensvollen Atmosphäre.

Vom Ablauf her sollte nach einer herzlichen Begrüßung die Ansprache geklärt werden, als dann sollte die KlientIn den Sitzplatz wählen (wobei hier auch auf die Sitzposition der DolmetscherIn und der TherapeutIn zu achten ist) und die Gesprächsbeteiligten sich vorstellen. Die DolmetscherIn sollte sich selbst vorstellen. Hier kann die Therapeutin viel Raum lassen, so dass sich KlientIn und DolmetscherIn in der Muttersprache ein wenig austauschen können (woher sie genau kommen etc.). In den folgenden Gesprächen allerdings sollte jede Einzelheit des Gesprächs gedolmetscht werden, um nicht unnötig Misstrauen und Missverständnisse hervorzurufen.

Anschließend sollte die Einrichtung vorgestellt werden, der Auftrag deutlich gemacht werden, d.h. das Ziel, der Umfang und die Rahmenbedingungen der Therapiegespräche und die Rollen der Beteiligten sollten transparent dargestellt werden. Eine erste Psychotherapiesitzung mit traumatisierten Flüchtlingen unter Mitwirkung einer DolmetscherIn benötigt mehr Zeit, sowohl durch das Vor- und Nachgespräch, als auch durch die „Warming-up“-Phase, ein notwendiger Raum um eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen.

Es ist sehr wichtig, eine Dolmetscherkonstanz anzustreben, d.h. dass nur eine DolmetscherIn den Therapieverlauf einer KlientIn begleitet, da so sichere stabile Arbeitsatmosphäre entstehen kann und es allen Beteiligten Zeit und Kosten spart. Nach der ersten Sitzung sollte die KlientIn allein nach ihrer Zufriedenheit mit der DolmetscherIn gefragt werden und das Gespräch mit der DolmetscherIn nach besprochen werden (s.o. Debriefing), um sprachliche oder inhaltliche Missverständnisse zu bereinigen.

Leitfaden zum Dolmetschereinsatz

A. Vor dem Gespräch Informationen:

  • Aus welchem Land kommt PatientIn?
  • Welche Sprache spricht er/sie?
  • Wie sind seine/ihre persönlichen Merkmale?
  • Herrscht in diesem Land Krieg/Bürgerkrieg?

DolmetscherIn anfordern:

  • Möglichst aus anderem Wohnort in Deutschland und in der Herkunftsregion, also nicht aus dem gleichen Dorf in der Heimat, keine Nachbarn in Deutschland
  • Möglichst gleiches Geschlecht
  • Möglichst gleicher Dialekt

Dolmetschervorgespräch:

  • Kennenlernen (persönliche Merkmale, evtl. religiöse/politische Überzeugungen auf beiden Seiten)
  • Information über Zeitrahmen, Bezahlung, Schweigepflicht
  • Information über KlientenIn und Dolmetscherstil (konsekutiv)

B. Während des Gespräches:

  • Sie holen den KlientenIn aus dem Wartebereich ab
  • Vorstellen aller Gesprächspartner
  • Regeln freundlich und verbindlich erläutern: Schweigepflicht, kein Kontakt zwischen DolmetscherIn und KlientIn außerhalb der Gespräche, Bezahlung durch Institution, alles Gesprochene wird übersetzt
  • Blickkontakt halten
  • Direkte Ansprache
  • Langsame und angepaßte Ausdrucksweise
  • Freundlicher Tonfall
  • Abstrakte Begriffe direkt im Deutschen erklären (nicht dem DolmetscherIn überlassen)
  • Nachfragen: Wie verstehen Sie sich sprachlich?

C. Nach dem Gespräch:

  • KlientIn kurz fragen (ohne DolmetscherIn): Wie war die Verständigung – gut? Probleme?

Dolmetschernachgespräch:

  • Wie war die Verständigung?
  • Ist etwas Besonderes aufgefallen?
  • Evtl. Fragen klären zum kulturellen oder regionalen Hintergrund
  • Bei belastenden Gesprächen: kurze Entlastung, Befindlichkeit und persönliche Anteile klären

Fazit

Manchen mag nun trotz der benannten Spielregeln für den Einsatz von DolmetscherInnen in Psychotherapie mit Flüchtlingen die triadische Beziehung ein zu komplexes Geflecht erscheinen. In der Praxis ist es eine Bereicherung, wenn nicht gar Luxus. Denn die TherapeutIn kann ruhiger arbeiten, da sie durch die Zeitverzögerung der Übersetzung Gelegenheit hat ihre Interventionen gut zu überdenken, und die Möglichkeit hat sich insbesondere Zeit für die Verhaltensbeobachtung nonverbaler und paraverbaler Anteile der KlientIn.

Ferner können „die vielfach von Behandlern als abschreckend wahrgenommene Komplexität der entstehenden Beziehungskonstellation in einem anderen Licht aus als Bereicherung des Wissens über das Eigene und das Fremde verstanden werden“ [12]. Das Ziel der psychotherapeutischen Behandlung ist letztlich – und das sollte man nicht aus den Augen verlieren – die Heilung der KlientInnen durch bewusst gestaltete Beziehung über Kommunikation. Wenn dies nicht anders möglich ist, dann können DolmetscherIn zu diesem Verständnis beitragen. Im PSZ behandeln wir seit Jahren erfolgreich mit DolmetscherInnen traumatisierte Flüchtlinge und erleben die Effektivität des Einsatzes, u.a. auch am Feedback der KlientInnen, z.B. die von Herr B. Xhemaili, einem kosovarischen KZ- Überlebenden:

„Hier kann ich frei sein und reden. Ich musste für mein Überleben mein Wissen geben. Es beschämt mich, immer noch kein Deutsch zu sprechen. Ich, der nie genug lernen konnte, nie hätte ich das für möglich gehalten. Mein gelerntes Wissen verdampft kurze Zeit später aus meinem Gehirn.“
„ Hier bei Euch fühle ich mich verstanden. Die Worte bahnen sich einen Weg. Wie eine Holzlatte nach der anderen im Sumpf. Danke, dass ihr mich versteht. Verständnis ist heilsam. Es hilft nicht, helfen zu wollen. Aber wenn Ihr mich versteht, dann habe ich die Hoffnung, dass auch andere mich verstehen können.“

Literatur

  • Abdallah-Steinkopff, B. (1999): Psychotherapie bei Posttraumatischer Belastungsstörung unter Mitwirkung von DolmetscherInnen. In: Maercker A: Posttraumatische Belastungsstörung: Stand und Perspektiven des Wissens über effektive Therapien. Verhaltenstherapie, Band 9, Heft 4, S. 211-222
  • Ackermann, A.(2004): „Das Eigene und das Fremde: Hybridität, Vielfalt und Kulturtransfer“. In: Jaeger, Friedrich/Rüsen, Jörn (Hg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Stuttgart: Metzler, Bd. 3: Themen und Tendenzen, S. 139-154
  • Auernheimer, G. (Hg., 2002): Interkulturelle Kompetenz und Professionalität. Interkulturelle Studien Bd.13. Opladen
  • Berry, J. W. (1997): Immigration, acculturation, and adaptation. Applied Psychology: An international review, 46, 5-68
  • Dhawan, S. (2004): Einsatz von DolmetscherInnen. In: Haenel, F. & Wenk-Ansohn, M. (Hrsg.): Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren. Weinheim: Beltz
  • Gün. A. K. (2007): Interkulturelle Missverständnisse in der Psychotherapie : gegenseitiges Verstehen zwischen einheimischen Therapeuten und türkeistämmigen Klienten, Lambertus, S. 158
  • Haenel, F. (1997): Spezielle Aspekte und Probleme in der Psychotherapie mit Folteropfern unter Beteiligung von Dometschern. In: systhema 2/1997, 11.Jahrgang, S. 136-144
  • Kluge, U.& Kassim, N. (2006): Der Dritte im Raum. In: Wohlfahrt, Zaumseil (Hrsg) „Transkulturelle Psychiatrie – Interkulturelle Psychotherapie, S. 177-199
  • Maurer-Kober, B. (2006): Die Rolle von DolmetscherInInnen aus juristischer Perspektive. In: Dolmetschen im Asylverfahren.Handbuch. (Hrsg.): Bundesministerium für Inneres der Republik Österreich
  • Pöllabauer, S. (2006): DolmetscherInInnen im Asylverfahren. In: Dolmetschen im Asylverfahren.Handbuch. (Hrsg.): Bundesministerium für Inneres der Republik Österreich
  • Pries, L. (1997): Neue Migration im transnationalen Raum. In: Ders. (Hg).: Transnationale Migration. Soziale Welt, SB 12, S. 15 – 44
  • Salman, R. (2000): Der Einsatz von (Gemeinde-) DolmetscherInnen in Sozial- und Gesundheitswesen als Beitrag zur Integration: In: Gardemann, J., Müller, W. & Remmers, A. (Hrsg.): Migration und Gesundheitswesen. Akademie für öffentliches Gesundheitswesen, Düsseldorf
  • Kluge & Kassim, N., 2006 in: Wohlfahrt, Zaumseil (Hrsg) „Transkulturelle Psychiatrie – Interkulturelle Psychotherapie“
  • Salman, R. (2004): Gemeinde-Dolmetscher-Training. (Hrsg.) Ethnomedizinisches -Zentrum Hannover
  • Schulz von Thun (2006): Interkulturelle Kommunikation: Methoden, Modelle, Beispiele.
  • Schulz von Thun, F. (1992): Miteinander reden. Störungen und Klärungen. Bd.1. Reinbek b. Hamburg
  • Teegen, F. & Gönnenwein, C. (2002): Posttraumatische Belastungsstörung bei Dolmetschern für Flüchtlinge. In: Verhaltenstherapie & Verhaltensmedizin, 23. Jahrgang – Heft 4/2002
  • Kluge & Kassim 2006 in: Wohlfahrt, Zaumseil (Hrsg) „Transkulturelle Psychiatrie – Interkulturelle Psychotherapie“
  • Wurzel, P. (1998): Probleme beim Dolmetschen der kurdischen Sprache am Beispiel Kurmanci. In: InfAuslR 6/98, S. 306-312

Einzelnachweise

  1. Autorinnen: Cinur Ghaderi und Eva van Keuk. Veröffentlicht in: „Von Gemeinsamkeiten und Unterschieden“, Hrsg. Golsabahi und Heise (2008), in der Reihe „Das transkulturelle Psychoforum“ Bd. 15, S. 177-186
  2. Gün 2007, S.158
  3. Gün 2007
  4. Kluge & Kassim, 2006
  5. vgl. Berry 1997, Pries 1997
  6. vgl. Wurzel, 1998
  7. vgl. Abdullah-Steinkopff, B., 1999
  8. Teegen, F. & Gönnenwein, C., 2002
  9. vgl. Haenel, 1997; Kluge & Kassim, 2006
  10. Schulz von Thun 1992, 2006
  11. Auernheimer, 2002
  12. Kluge, Kassim 2006, S. 197
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