Räume für Träume - Sommer-Gruppentherapie für Kinder und Elterntraining

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von Anja Baumann, Jessica Schwittek, Fatemeh Serdani

Inhaltsverzeichnis

Die Lebenssituation von Flüchtlingskindern

Die Lebenssituation junger Flüchtlinge ist schwierig: Sammelunterkünfte, Armut, eingeschränkte medizinische und psychotherapeutische Versorgung, unsichere Zukunftsperspektiven etc. belasten ihre Entwicklung. Zusätzlich leiden viele unter der oftmals hohen psychischen Belastung ihrer Eltern oder haben eigene traumatische Erfahrungen zu verarbeiten. 62% der Flüchtlingskinder leiden nach einer Studie der Uni-Klinik Hamburg unter behandlungsbedürftigen psychischen Störungen.


Das Gruppentherapieprogramm

Daher haben wir Kindern während der Sommerferien ein Gruppenprogramm angeboten. Ziel war es, die Kinder zu stärken, damit sie besseren Zugang zu eigenen Ressourcen finden, um bestehende Probleme besser bewältigen zu können und neue Perspektiven zu entwickeln. Ursprünglich war die leitende Durchführung des Gruppenprogramms durch die im PSZ tätige Kinder- und Jugendtherapeutin Sari Serdani geplant, die jedoch aus Krankheitsgründen leider nicht teilnehmen konnte. So wurde die Leitung der Gruppe von der Therapeutin Anja Baumann in Kooperation mit Jessica Schwittek übernommen, die im Rahmen ihrer Diplomarbeit nun auch die Ergebnisse der Kindergruppe evaluiert. Unterstützt wurden sie von jeweils im PSZ tätigen Praktikantinnen.

Zunächst wurden diagnostische Vorgespräche mit Eltern und Kindern durchgeführt, woraus sich schließlich eine Gruppe von ca. 10 Kindern im Alter zwischen 9 und 14 Jahren aus unterschiedlichen Herkunftsländern (Tschetschenien, Ruanda, Türkei, Äthiopien …) ergeben hat, deren Eltern bereits in therapeutischer Behandlung im PSZ sind.

Während der Sommerferien fanden dann insgesamt 6 Termine à 3 Stunden statt. Diese bestanden immer aus 3 Phasen:

  • zunächst einer Aufwärm- und Bewegungsspielphase im Garten des nahe gelegenen Stadtmuseums,
  • gefolgt von einer Einheit im PSZ, in der eine intensive Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema erfolgt ist
  • und schließlich einer Entspannungseinheit.

Die Inhalte entstammen zum Teil dem Manual von Heike Möhlen „Ein Psychosoziales Gruppenprogramm für traumatisierte Flüchtlingskinder“. Aufgrund von spezifischen Besonderheiten der Gruppe und des Gruppenprozesses wurde jedoch von diesem Manual abgewichen und eigene Ideen und Erfahrungen eingebracht. So wurden die Termine immer jeweils nach den vorhergehenden Terminen konkret geplant. Oftmals wurden dann während der Termine auch spontane Änderungen vorgenommen, um adäquat auf die Kinder und ihre Wünsche eingehen zu können.


Themen & Methoden

Die Sitzungen umfassten die folgenden Themen:

  • Das geheime Land der Seele (Was sind Gefühle? Warum sind sie wichtig?)
  • Vielfalt bzgl. der Lebensumstände der Kinder (u.a. Vorstellung von mitgebrachten wichtigen Gegenständen)
  • Ausgrenzung, Abgrenzung (Rollenspiele zu Ausgrenzungserfahrungen und möglichen funktionalen Umgangsweisen)
  • Achtsamkeit (Sinnesparcours zu den Sinnen Hören, Sehen, Riechen, Fühlen, Schmecken)
  • Stärken und Ressourcen (Verteilung von Miniaturschatzkisten und Füllen dieser Kisten mit individuellen Stärken und Wünschen, jeweils auf Zetteln notiert)
  • Träume und Zukunft (Erstellen einer Flaschenpost und „Abschicken“ in den Rhein)

Es kamen unterschiedliche Methoden wie Rollenspiele, Malen, Spielen, Phantasiereisen, Kleingruppenarbeit etc. zum Einsatz.


Fazit

Die Kinder haben meist mit großer Begeisterung und Freude an den verschiedenen Aktivitäten teilgenommen. Es war eine zunehmende Offenheit der Kinder festzustellen (F: „Am Anfang hab ich mich geschämt, herzukommen und dann bin ich gerne gekommen“) und es bildeten sich einzelne Freundschaften mit gegenseitiger Unterstützung. Die Kinder konnten innerhalb der Gruppe positive Erfahrungen machen und erhielten auch aus der Gruppe gute Rückmeldungen. Insgesamt wurde deutlich, über wie viel Ressourcen die Kinder im sportlichen Bereich (v. a. Fußball) und/oder in kreativer Hinsicht verfügen. Einige Kinder wiesen eine hohe Reflektionsfähigkeit und viel Einfühlungsvermögen auf.

Als schwierig haben sich vor allem die Rahmenbedingungen erwiesen: Einige Kinder hatten eine weite Anreise, so dass der zeitliche Aufwand für die zum Teil psychisch sehr belasteten Eltern hoch war. Inhaltlich wurden bei den Kindern unterschiedliche Bedürfnisse deutlich, die auf die Altersunterschiede und unterschiedliche Fähigkeit, sich an Gruppenprozesse anzupassen zurückzuführen sind. Einige Kinder benötigten aufgrund hoher Impulsivität viel Aufmerksamkeit und so war es oft nicht leicht, allen Kindern gerecht zu werden.

Drei Monate nach Ende der Gruppentermine fanden individuelle Nachgespräche zur Evaluation statt. Die Kinder erinnern sich hier gut an die verschiedenen Aktivitäten, wobei als besondere Highlights der Sinnesparcours, die Flaschenpost, die Phantasiereise und einzelne Bewegungsspiele genannt wurden. Sie berichteten, die Gruppentermine hätten ihnen großen Spaß gemacht und äußerten Interesse an weiteren Terminen. Es wurde deutlich, dass einzelne Themen „nacharbeiten“ und oft wurden während der Gespräche beiläufig einzelne Aspekte und Inhalte der Gruppentermine angesprochen.

Die Eltern berichteten in den Nachgesprächen von großer Freude ihrer Kinder an den Terminen bzw. bereits im Vorfeld („A. ist an den Tagen der Gruppentermine um 6:00 aufgestanden, konnte es kaum erwarten und hat schon morgens alles vorbereitet“. „B hat voller Freude gemeinsam mit mir Informationen zu seinem Gegenstand, den er mitbringen wollte, gesammel.t - „Auch in traurigen Situationen hat die Vorfreude auf die Termine Z.`s Stimmung gehoben.“...) sowie von besserer Stimmung nach den Terminen („B. hatte danach einen anderen Gesichtsausdruck und gute Stimmung“, „Z. war immer vergnügt und zufrieden nach den Sitzungen.“, „H. hat aufgelebt und hatte immer viele Ideen, was er zu den Terminen mitbringen wollte.“, „I. war immer lebhaft und hatte andere Gedanken nach den Terminen.“), von größerer Offenheit gegenüber anderen (z.B. „Der Kontakt von B. zu anderen Kindern ist besser geworden, er ist offener und lockerer geworden.“) sowie konkrete Verhaltensänderungen („H. ist ruhiger geworden und hatte weniger ‚Ausfälle.’“).

Da die Kinder in den Nachgesprächen den Wunsch nach einem weiteren Treffen äußerten, haben wir sie zu einem gemeinsamen Nachtreffen eingeladen. Hier wurden spielerische Übungen zu den Themen Körpergrenzen und Emotionen gemacht. Die Eltern trafen sich während dessen mit der Kinder- und Jugendtherapeutin Sari Serdani zu einem kurzen Elterntraining, wobei mit Rollenspielen Lösungen zu ihren konkreten Anliegen erarbeitet wurden.

Insgesamt haben sowohl die Kinder als auch die Gruppenleiterinnen viele spannende nachhaltige Erfahrungen machen können, dabei viel gelernt und großen Spaß an der gemeinsamen Arbeit gehabt.


Das Elterntraining

Rückmeldungen der Eltern

Neben vielen Einzelgesprächen fand parallel zum Nachtreffen der Kindertherapiegruppe ein Elterntraining statt. An dem Treffen nahmen einige Mütter sowie Schwestern und andere Verwandte der Kinder teil. Es ging schnell zur Sache, denn es gab einen regen Austausch über die Kinder und deren Veränderungen, die die Eltern während und nach den Gruppentherapien bemerkt hatten. Je eine Dolmetscherin für Französisch und eine für Russisch sorgten für bessere Verständigung.

Zunächst gab es einen Austausch über Erfahrungen der Eltern während der Gruppe wie zum Beispiel, dass viele Kinder zum ersten Gruppentreff sehr ungern gekommen waren, aber schon bald ihre Freunde in der Gruppe fanden, so dass sie sich zu weiteren Treffen mit Begeisterung vorbereiteten…

Eine Mutter erzählte, dass ihr Sohn sich sehr schnell mit einem anderen Jungen anfreundet habe, er habe sich von ihm akzeptiert gefühlt. Er habe immer Lieder und Geschichten für das Gruppentreffen vorbereitet… eine andere Mutter erzählte, ihr Sohn habe früher immer nur mit schwarzen Stiften gemahlt; sein Interesse für Farben sei durch die Kindergruppe geweckt worden.

Die Schwester eines kurdischen Jungen aus der Türkei erzählte, ihr Bruder sei früher immer alleine gewesen und sehr zurückhaltend gewesen. Die Kindergruppe habe ihn verändert. Er habe sich mit einem Jungen seiner Altersstufe in der Gruppe befreundet. Auch in seiner Schule habe er jetzt Freunde und verstehe sich besser mit seinen Schulfreunden. Ähnliches erzählten auch andere Mütter. Bei vielen Kindern sei durch die Anregungen der Gruppenarbeit Interesse für ihre Heimat, Kultur, Sprache und Geschichte erweckt worden.


Themen & Methoden

Als nächstes ging es beim Elterntreffen um die Frage „Was ist für Sie Erziehung?“ Spontane Antworten waren:

  • auf Eltern hören und vor den Eltern Respekt haben.
  • mit Kindern Freunde und Partner sein, dass die Kinder mir alles erzählen.
  • eine Entwicklung und Weiterbildung ohne Gewalt,
  • als Eltern vorbildlich sein, akzeptieren, dass Kinder auch Fehler machen,
  • als Eltern Verantwortung tragen,
  • als Eltern zuhören können.
  • Schlagen als Erziehungsmethode wurde von einigen erwähnt.

Hier wurde ein Rollenspiel zu einer typischen Konfliktsituation gemacht: A schildert die Konflikte mit ihrem 11 jährigen Sohn. Sie ist alleinerziehende Mutter und erwartet von ihrem Sohn Gehorsam ihr gegenüber und erwähnt, sie ‚müsse ihn manchmal auf den Popo hauen’. Er könne aber ganz böse zu ihr werden, wenn sie seine Wünsche nicht sofort erfülle. Er habe sie sogar ermahnt, er würde die Polizei anrufen, falls die Mutter ihn schlage.

1. Szene: Mutter sitzt vor dem Fernsehen und möchte dringend ungestört Nachrichten hören. Er möchte aber, dass sie sofort mit ihm einkaufen geht und ein neues Spiel für ihn kauft. Er mache sie dann richtig fertig, so lange bis er das bekäme, was er wolle. Wir machten zum Thema ‚Grenzen setzen und Grenzen anerkennen’ ein Rollenspiel in der Gruppe. Darin integrierten wir die Übung „Zuhören“ und wie Zuhören die Aggression beider Seiten mindern kann.

2. Szene: Es gab einige Vorschläge aus der Gruppe, wie z.B. die folgende Szene: Zuerst Nachrichten hören, dann aber ganz aufmerksam ihm zuhören; mögliche Wünsche erfüllen, nicht erfüllbare Wünsche argumentierend diskutieren und nicht nachgeben. Nach dem Rollenspiel entfachte sich erneut eine Diskussion über Zuhören und gehört werden…, respektvoller Umgang der Eltern und den Kindern liebevoll zuhören und trotzdem deutliche Grenzen setzen. Das Treffen hatte den Eltern sehr viel Spaß gemacht. Sie waren sehr interessiert und haben viel von einander gelernt.

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