Perspektivwechsel: Was brauchen Flüchtlinge in Deutschland?

Aus PSZ-Wiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Vortrag von Esther Mujawayo-Keiner zur Verabschiedung von Landeskirchenrat Jörn Erik Gutheil

Inhaltsverzeichnis

Die Grundbedürfnisse

Sicher hat die geflohene Person, die hier ankommt, wie jeder Mensch, elementare Bedürfnisse wie Nahrung, Wohnung, Kleidung, Gesundheitsversorgung, etc...

Die Sprache

Uyu munsi nshimishijwe no kuba mpahaze hagati yanyu nturutse muri PSZ kugirango dusezere kuli Bwana Pastori Gutheil...

Um konkret zu illustrieren, was ein Flüchtling hier und jetzt braucht, habe ich meine Ausführungen in Kinyarwanda, meiner Muttersprache, begonnen. Schon nach einem Satz schaut mich jeder schief an. Man versteht nichts. Also halte ich an und beginne deutsch zu sprechen und damit unterstreiche ich das erste Bedürfnis eines geflohenen Menschen:

Die größte Schwierigkeit und Frustration, die einer nach hier geflohenen Person begegnet, ist die Nicht-Kenntnis der Sprache. Alles, was um einen herum gesagt wird, in den Büros, beim Arzt ist total unverständlich. Sie hören von Zeit zu Zeit Ihren Namen heraus oder einen Ort, aber Sie wissen nicht, worum es geht.

Jedes Mal, wenn Sie einen Brief bekommen, müssen Sie zu jemandem gehen, um ihn übersetzen zu lassen, und oft weiß es der Übersetzer auch nicht besser als Sie, und einige Male hat dies schwerwiegende Folgen, vor allem für Behördendokumente mit wichtigen Fristen. Sicher, wenn man in einem Land ankommt, muss man sich Mühe geben, die Sprache zu sprechen, um zu verstehen und sich verständlich zu machen. Die Flüchtlinge sind da keine Ausnahme – aber unglücklicherweise hat die Person, die Asyl beantragt, während der Zeit, in der sie auf das Asyl wartet, nicht das Recht, die Sprache zu lernen. Man müsste erste auf die Anerkennung warten, um von einem Integrationskurs zu profitieren, wo das Erlernen der Sprache kostenlos und verpflichtend ist, aber erinnern wir uns daran, dass das oft mehrere Jahre dauern kann, während derer man wie ein Taubstummer lebt, mit allem, was dies an Frustrationen, Missverständnissen oder Aggressivität mit sich bringt.

Das Bedürfnis nach Nahrung

Auf jeden Fall ist die Ernährung hier ganz anders. Das „Abendbrot“ mit Butterbroten ist für die meisten fremd. Viele empfinden Brot nicht als „richtiges“ Essen, da zu Hause abends gekocht wird, und es ist vor allem dann ein Problem, wenn man im Krankenhaus ist, denn dort gibt es keine Möglichkeiten, die gewohnte Ernährung zu bekommen. Auch sonst bleibt die Ernährung problematisch, weil die Menschen etwas von zu Hause essen wollen, aber die Sachen von zu Hause sind in den exotischen Läden sehr teuer.

Das Bedürfnis nach Privatsphäre

Das Wohnen ist auch problematisch, denn die meiste Zeit wohnen die Menschen zu mehreren auf einem Zimmer, müssen die sanitären Einrichtungen teilen und ebenso die Küche. Das enge Zusammenleben mit Menschen aus verschiedenen Kulturen kommt zu der inneren Spannung hinzu, die sie aus ihren Herkunftsländern mitbringen, wo Konflikte an der Tagesordnung waren. Seine eigene, private Wohnung zu haben, wird beinahe ein Luxus, den auch ein Amt erst erreichen kann, wenn man das Asyl bekommen hat.

Das Bedürfnis, gesund zu sein

Die Gesundheitsfürsorge ist auch ein Problem, denn aus der Position des Asylsuchenden hat man selbst keine Zugang zu Gesundheitseinrichtungen. Der Sozialarbeiter entscheidet, ob Sie einen Krankenschein haben können, um zum Arzt zu gehen! Ebenso ist es mit Psychotherapie obwohl man weiß, in welchem Maß der Anteil an Traumatisierten unter Asylsuchenden erhöht ist, allein wenn man die Umstände betrachtet, aus denen sie fliehen mussten.

Das Bedürfnis, als Mensch anerkannt zu werden

Eines Tages fragte uns einer unsere Klienten: „Aber das macht ihr doch nicht mit allen hier im PSZ?“ Ich fragte ihn erstaunt, warum er das sagt, und er antwortet mir: „Aber das ist unglaublich. Wenn ich ankomme, empfängt mich jeder gut, mit Respekt und Freundlichkeit. Jeder, der vorbeikommt, fragt mich, was ich trinken möchte, Sie sprechen mich auf Englisch an, ich verstehe es – kurz: Sie behandeln mich als Menschen.“

Ich antworte ihm, dass er selbstverständlich ein menschliches Wesen ist, das wir als solches behandeln, und dass das normal ist oder auf jeden Fall normal sein sollte. Aber die Mehrheit der Flüchtlinge stößt auf Verdächtigungen. Man sagt, sie lügen, ihre Geschichte und ihr Leiden werden nicht anerkannt. Sie erleben Geringschätzung und manchmal sogar reinen Rassismus.

Das Bedürfnis, zu einer Familie zu gehören

Das Gefühl der Einsamkeit ist sehr gegenwärtig. Abgesehen von den Gängen zu unzähligen Behörden-„Terminen“ gibt es wenig Ausgang zum Vergnügen.

Das erste Mal, als das PSZ eine Ferienwoche für junge, unbegleitete Flüchtlinge organisiert hatte, traf ich einen von ihnen bei der Rückkehr am Bahnhof. Er war so stolz, dass auch er seinen Koffer gepackt hatte und irgendwo anders hingefahren ist, so wie die anderen Jugendlichen aus seiner Schule.

Ebenso können wir uns darüber klar sein, dass viele, über die psychologische und soziale Begleitung hinaus, die sie im PSZ erhalten, stolz erklären, dass das PSZ ihre Familie ist. Man spürt es vor allem in der Gruppe der jungen Leute ohne Familie hier oder auch unter allein erziehenden Müttern.

Das Bedürfnis nach Religionsausübung

Bei den meisten Asylsuchenden ist die Hauptquelle, die ihnen das Durchhalten ermöglicht, ihr Glaube. Bei den Muslimen ist es nicht so problematisch, weil sie es gewöhnt sind, in der Moschee auf Arabisch zu beten und das Ritual fast überall dasselbe ist.

Wohingegen die meisten Christen eine lebendige Kirche suchen, wo man nicht pünktlich erscheint und nach exakt 60 Minuten wieder geht. Sie suchen eine Kirche, wo sie aus Leibeskräften singen können, einen Gottesdienst, der länger als 3 Stunden dauert, usw. Und wenn von dem Bedürfnis gesprochen wird, eine gewisse Spiritualität wieder zu finden, fordere ich oft die christlichen Kirchen auf, dass ihre vorrangige Rolle darin liegen müsste, diese geflohenen Menschen aufzunehmen in Erinnerung an Christus, der selbst als Baby ein Flüchtling war!

Und mit dieser Anmerkung über das Engagement der Kirchen ende ich, weil wir gerade jetzt versammelt sind, um Pfarrer Gutheil ‚Auf Wiedersehen’ zu sagen, und auch und vor allem in Anerkennung all der Arbeit und des Engagements, die er und seine Gemeinschaft zu Gunsten der geflohenen Menschen in den verschiedenen Einrichtungen und durch ihre Lobbyarbeit geleistet haben.


Übersetzung des französischen Manuskripts: Irene Schäfer

Persönliche Werkzeuge