Junge Flüchtlinge

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Junge Flüchtlinge im PSZ[1]

Ahmet macht ein Praktikum gleich um die Ecke. Jeden Tag kommt er in seiner Mittagspause, setzt sich ganz selbstverständlich in die Küche, nimmt sich etwas zu essen und zu trinken. Dass der ehemalige Kindersoldat dort so entspannt sitzt und stolz von den positiven Rückmeldungen berichtet, die er beim Praktikum bekommt, wäre noch vor einem Jahr schwer vorstellbar gewesen.
Patrick kommt und zeigt sein Halbjahres-Zeugnis. Wieder Klassenbester. Alle freuen sich mit ihm und gratulieren.
Auf dem Sofa im Gruppenraum liegt Jenny und schläft. „Zuhause kann ich nicht schlafen. Da habe ich immer Angst vor den Alpträumen. Hier im PSZ kann ich mich richtig ausruhen.“

Von Januar 2005 bis Ende 2007 lief das Kinder- und Jugendprojekt MUT & Co. im PSZ. Das macht sich bemerkbar - die Jugendlichen bringen Leben in den PSZ-Alltag. Gerade für viele der unbegleiteten minderjährigen und jungen volljährigen Flüchtlinge ist das PSZ mehr als Beratungsstelle und Therapie-Einrichtung – es ist ein Ort, an dem sie sich willkommen und zuhause fühlen.

Ihr seid wie Mutter und Schwester für mich.“ sagt Patrick. „Hier kann ich über alles reden, was mich beschäftigt. Hier bei euch habe ich gelernt, wie man miteinander redet.“
„Hier ist es nicht egal, was ich mache und was aus mir wird,“ sagt Steve. „Das ist wichtig für mich, damit ich nicht untergehe. Es ist sogar wichtig, dass auch mal jemand mit mir schimpft. Zum Beispiel, als ich zum zweiten Mal ohne gültiges Ticket erwischt worden bin. Wenn ihr mir sagt, ich darf das wirklich nicht machen, dann mache ich es auch nicht mehr.“

Inhaltsverzeichnis

Die Lebenssituation junger Flüchtlinge

Kinder, Jugendliche und junge Volljährige sind die größte Gruppe unter den Asylbewerbern. Im Jahr 2005 waren nach einer Statistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) über 68,1 % aller Asylantragsteller jünger als 25 Jahre – 45,7 % der männlichen und 59,7 % der weiblichen Asylbewerber sogar unter 18 – in den Jahren davor sind die Zahlen ähnlich.

Minderjährige Flüchtlinge sind eine besonders vulnerable Gruppe. Viele haben traumatische Erfahrungen gemacht, sie haben extreme Not, Kriege und Bürgerkriege, Vertreibung und Gewalt, die Zerstörung oder den Verlust ihres Zuhauses erlebt. Manche wurden als Kindersoldaten zwangsrekrutiert oder zur Prostitution gezwungen, andere haben Inhaftierung und Folter überlebt, andere wurden von ihren Angehörigen getrennt und kommen nach Deutschland als sogenannte "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge".

Flüchtlingskinder und -jugendliche haben besondere Hürden unter extrem ungünstigen Rahmenbedingungen zu bewältigen. Sie müssen sich in einer fremden Gesellschaft orientieren, deren Sprache sie noch erlernen müssen. Sie müssen in Flüchtlings-Sammelunterkünften leben, die in der Regel alles andere als kindgerecht gestaltet sind – häufig auf engstem Raum, mit der ganzen Familie in einem Zimmer, ohne Rückzugsmöglichkeiten. Die Eltern sind durch das Arbeitsverbot zu Untätigkeit gezwungen, die Familien müssen von den geringen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz leben. Dies ist noch 35% geringer als Hartz IV-Leistungen – die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist deutlich eingeschränkt - Fahrkarten, Zeitungen, Klassenfahrten werden oft unerschwinglich. Oder – schlimmer noch - die Familien bekommen nur Sachleistungen –Einkaufsgutscheine oder gar Lebensmittelpakete. Das Arbeitsverbot gilt natürlich auch für Ausbildungen, und studieren dürfen junge Flüchtlinge im Asylverfahren auch nicht. Integrationskurse gibt es erst, wenn der Aufenthalt gesichert ist. Die Asylverfahren ziehen sich oft über Jahre, die als permanente Unsicherheit, als vergeudete Wartezeit im Niemandsland erlebt werden.

Eigentlich ist es fast ein Wunder, wie viele junge Flüchtlinge es trotz dieser Bedingungen schaffen, ihren Platz zu finden, sich in der Schule und im sozialen Umfeld zu integrieren. Aber das ist schwer, und manche geraten in eine Spirale von Schulschwierigkeiten, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, entwickeln oder chronifizieren psychische Störungen, oder fallen erst auf, wenn sie in Delinquenz oder Drogensucht abgleiten.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge stehen dieser Situation des schwierigen Neubeginns ohne Unterstützung durch ihre Eltern gegenüber. Sie haben, neben anderen traumatischen Erfahrungen, die Trennung von ihrer Familie erlebt. Sorgen um das Ergehen von daheimgebliebenen Angehörigen beschäftigen sie, z.T. tragen sie auch ausdrückliche oder unausgesprochene Aufträge ihrer Familien, im Exilland Erfolg zu haben, ohne dass die äußeren Rahmenbedingungen hier dies erlauben. Sind sie 16 Jahre alt oder älter, bzw. werden sie bei der Altersfeststellung für älter gehalten, werden sie – obwohl es eigentlich gesetzlich so vorgeschrieben ist - oft nicht in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, sondern ohne angemessene pädagogische Betreuung in Sammelunterkünften untergebracht. Aus Ländern, in denen sich Menschen vor allem als Angehörige eines Kollektivs (Familie, Clan, ethnische Gruppe) verstehen, sind sie auf eine stark individualisierende Gesellschaft unzureichend vorbereitet. Sie laufen hier Gefahr, sich auf der Suche nach Zugehörigkeit in Abhängigkeiten zu begeben, ohne die möglichen Konsequenzen überschauen zu können.

Zwei Gruppen unbegleiteter junger Flüchtlinge bedürfen besonderer Aufmerksamkeit:

Ehemalige Kindersoldaten

Sie leiden, neben den o.g. Problemen, häufig unter den Folgen massiver Gewalterlebnisse, in denen sie sowohl Opfer wie auch Täter waren. Die soziale Integration wird bei diesen Jugendlichen durch ein stark gestörtes Selbstbild und Schuldgefühle erschwert. Aufgrund von Scham- und Schuldgefühlen haben diese Jugendlichen oft Hemmungen, sich an psychosoziale Einrichtungen zu wenden.

Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution

Junge Menschen in zerfallenden Bürgerkriegsgesellschaften sind in Gefahr, durch ein vermeintlich rettendes Angebot sich in Europa in der Prostitution wiederzufinden. Kontakt zu Beratungsangeboten erhalten sie häufig erst dann, wenn sie im Rahmen einer Polizeirazzia aufgegriffen und in Abschiebehaft gebracht werden. Die Erfahrung sexualisierter Gewalt und Gefühle von Scham, Erniedrigung, Beschmutzung und Entehrung müssen verarbeitet werden und, da eine Rückkehr unter diesen Bedingungen meist unmöglich ist, müssen neue Lebensperspektiven erarbeitet werden.

Junge Flüchtlinge, die in ihren Familien leben

Sie sind häufig besonders durch die Traumatisierung und Entwurzelung ihrer Eltern belastet. Sie übernehmen ein hohes, manchmal zu hohes Maß an Verantwortung in ihren Familien, indem sie für die Eltern z.B. bei Ärzten und Behörden dolmetschen, indem sie versuchen, ihre Eltern in suizidalen Krisen zu schützen oder den Statusverlust ihrer Eltern zu kompensieren. Außerdem sind viele Flüchtlingsfamilien durch kulturelle Diskrepanzen zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland überfordert und verfügen zugleich selten über ein stützendes Umfeld, so dass bei familiären Krisen häufig institutionelle Unterstützung gebraucht wird.

Traumatisierung bei Kindern

Kinder und jugendliche Flüchtlinge haben eigene Gewalterfahrungen, Zeugenschaft bei Gewalt gegenüber nahen Angehörigen und Freunden und eine häufig als traumatisch erlebte Flucht überstanden. Die Auswirkungen sind unterschiedlich und vielfältig, je nach Alter und Entwicklungsstand und Schwere und Dauer der Traumatisierung. Sie hängen in hohem Maße davon ab, ob Eltern ihre protektive Funktion dem Kind gegenüber wahrnehmen können. Häufig sind aber Eltern und andere Erwachsene von ihren eigenen Erlebnissen und den Anforderungen der Flucht und des Exils so absorbiert, dass sie ihren Kindern nicht die notwendige Sicherheit vermitteln können. Regressive Verhaltensweisen, Phobien, psychosomatische Symptome, Sprach– und hyperkinetische Störungen sind häufige Folgen einer Traumatisierung.

Forschungsergebnisse, v.a. des Kinderpsychiaters Hans Keilson, der selbst in den Niederlanden im Exil lebte und in den 70er Jahren Menschen untersuchte, die als jüdische Kinder im Nationalsozialismus Verfolgung, Exil und Untertauchen erlebten, weisen aber darauf hin, dass insbesondere die Gestaltung der Phase nach der eigentlichen Traumatisierung ausschlaggebend dafür ist, wie Menschen schwere traumatische Erfahrungen verarbeiten und integrieren können. Diese Erkenntnisse lassen einen gewissen Optimismus zu, dass es bei einer guten Gestaltung der Asylzeit möglich ist, traumabedingte psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen auszugleichen. Sie ergeben aber auch eine besondere Verantwortung für Deutschland als Asylland, die notwendigen Bedingungen für eine gute nach-traumatische Phase zu realisieren.

Nicht alle traumatisierten Kinder und jugendlichen Flüchtlinge brauchen dafür Psychotherapie und nicht für alle Kinder- und jugendlichen Flüchtlinge stellt Psychotherapie allein eine ausreichende Unterstützungsform dar. Viele brauchen eine alltagsnähere Begleitung und Vermittlung, als sie ein psychotherapeutisches Setting bieten kann. Andere benötigen zusätzlich zur Psychotherapie weitergehende Unterstützung zur Umsetzung erarbeiteter Entwicklungsmöglichkeiten in ihrem jeweiligen Lebensfeld. Kinder und Jugendliche, die sehr viel Kraft darauf verwenden, ihre traumatisierten Eltern zu schützen, oder die "stellvertretend" für diese eine Symptomatik entwickeln, profitieren häufig am meisten von einer Entlastung durch eine psychotherapeutische Behandlung ihrer Eltern.

Jugendliche Flüchtlinge brauchen Unterstützung

Viele Flüchtlingskinder und –jugendliche brauchen besondere Unterstützung zur Orientierung in der ihnen fremden Gesellschaft,

  • bei praktischen Fragen des Alltags und der Ausbildung
  • bei aufenthaltsrechtlichen u.ä. Fragenstellungen
  • bei psychosozialen und psychologischen Problemen
  • beim Aufbau förderlicher Kontakte.

Gerade unbegleitete Flüchtlingsjugendliche brauchen erreichbare Ansprechpersonen mit Kenntnissen und Verständnis für ihre asylrechtliche, kulturelle und psychosoziale Lage. Die Praxis der Kommunen im Umgang mit jungen Flüchtlingen variiert stark. Es gab im Einzugsgebiet des PSZ lange keinerlei Angebot zur spezifischen und umfassenden Unterstützung von Kinder- und jugendlichen Flüchtlingen, die psychisch belastet sind. Amtsvormünder sehen sich z.T. in einem Loyalitätskonflikt, wenn sie als Mitarbeiter einer Kommune die Interessen des Jugendlichen gegenüber dieser Kommune auf dem Rechtsweg vertreten sollen, z.B. bei Klagen gegen Ausreiseaufforderungen. Zudem sind sie häufig für eine Vielzahl von Jugendlichen zuständig und können aus Kapazitätsgründen keinen alltäglichen Kontakt halten. Engagierte Privat-Vormünder, die begleitet und informiert werden und zuverlässige, qualifizierte Landsleute als MentorInnen können die Angebote der Jugendämter sinnvoll ergänzen.

Das MUT-Projekt

Aus diesen Überlegungen entwickelten wir das Projekt MUT & Co., das mit Unterstützung der Aktion Mensch von 2005 - 2007 durchgeführt wurde. Unserer Einschätzung nach brauchen junge Flüchtlinge eine andere Art des Unterstützungsangebots. Klassische Psychotherapien ein- bis zweimal wöchentlich reichen angesichts der komplexen Problemlage psychisch belasteter Flüchtlingskinder und –jugendlicher nicht aus. Sie brauchen eine lebenswelt- und alltagsbezogene Begleitung, um das, was sie in der Therapie erarbeiten, umsetzen zu können. Als Kinder und Jugendliche sind sie in ihren Möglichkeiten, ihre eigenen Lebensbedingungen aktiv zu gestalten, stärker noch als erwachsene Flüchtlinge eingeschränkt und brauchen deshalb eine umfassendere Unterstützung.

Das MUT & Co-Projekt hatte zwei Schwerpunkte:

  • MUT = Muttersprachliche Begleitung psychisch belasteter junger Flüchtlinge
  • & Co. = Kooperation zwischen Flüchtlingssozialarbeit und Kinder- und Jugendhilfe

Die Begleitung junger Flüchtlinge

Mit dem MUT-Projekt hatten wir die wunderbare Möglichkeit, psychisch belasteten jungen Flüchtlingen ohne lange Wartezeiten konkrete, sehr umfassende und alltagsnahe Hilfen anzubieten. In der Regel sind es PädagogInnen der Kinder- und Jugendhilfe, die sich wegen der Jugendlichen an das PSZ wenden. Oder aber die Betroffenen selbst bitten um Unterstützung. Die jungen Flüchtlinge leben im gesamten Regierungsbezirk Düsseldorf und darüber hinaus. Durch Clearinggespräche wurde im Rahmen des Projekts der individuelle Bedarf der an das Projekt verwiesenen jungen Flüchtlinge ermittelt und ein Hilfeplan (MUT-Planung) erstellt.

Begleitet werden drei Gruppen junger Flüchtlinge:

Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge, die in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe oder alleine in Flüchtlingsunterkünften leben, z.B.

  • Ein 17jähriger aus Guinea, der in einer Jugendwohngruppe lebt und große soziale Schwierigkeiten hat.
  • Ein 17jähriger psychisch schwer belasteter Jugendlicher von der Elfenbeinküste, der alleine in einer Container-Unterkunft für Flüchtlinge leben muss, da das Jugendamt eine Inobhutnahme verweigert.

Junge Volljährige, von denen einige als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland kamen, und die auch nach Erreichen der Volljährigkeit Unterstützung und Begleitung brauchen, aber von der Kinder- und Jugendhilfe häufig nicht oder nur unzureichend versorgt werden. Z.B.

  • Ein 20jähriger aus dem Kosovo, der schwer traumatisiert ist und seit seinem 12. Lebensjahr in einem Kinderheim in Deutschland aufgewachsen ist. Seit seinem Auszug aus dem Kinderheim nach Erreichen der Volljährigkeit konnte er bislang noch keine soziale Stabilität erlangen. Der Mentor unterstützte ihn bei behördlichen Angelegenheiten (Aufenthalt, Krankenkasse, Sozialhilfe, Arbeitserlaubnis, eigene Wohnung etc. bestehen nicht) sowie als Ansprechperson zur psychischen Entlastung.
  • Ein 24jähriger als Guinea, der in seinem Heimatland als Mitglied der Studentenbewegung inhaftiert und schwer gefoltert worden war und unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Er wurde regelmäßig und intensiv von einem muttersprachlichen Mentor (Mandingo) begleitet, der als wichtige Ansprechperson im Alltag fungiert, sowie stundenweise nach Bedarf von einem jungen französischsprachigen Psychologen, der sich um eine angemessene körperliche und psychiatrische Behandlung sowie behördliche Angelegenheiten kümmert.

Für viele der unbegleiteten minderjährigen oder jungen Volljährigen ist neben der Unterstützung in behördlichen Angelegenheiten und der Vermittlung in Maßnahmen das wichtigste, das Gefühl der Isolation zu durchbrechen. Sie finden bei den MentorInnen das Gefühl der Zugehörigkeit.

„Meine Mentorin hat mich zu einer afrikanischen Hochzeit mitgenommen.“ schwärmt Tina, die in einem deutschen Kinderheim lebt. „Das war total toll, alle haben getanzt. Und sie bringt mir jetzt bei, afrikanisch zu kochen. In meiner Gruppe machen sich die Erzieher immer Sorgen, weil ich so wenig esse und so dünn bin. Aber bei meiner Mentorin schmeckt es mir so gut, da habe ich richtig Appetit.“ Die Mentorin lacht, als ich sie frage, ob es ihr nicht zu viel wird, dass die Jugendliche, die sie begleitet, an den Wochenenden bei ihr übernachtet und ob sie sich auch genügend abgrenze. „Ich habe überhaupt nicht das Bedürfnis, mich abzugrenzen. Ich finde es normal und schön, Menschen um mich zu haben. Ich bin so aufgewachsen. Wir waren zehn Geschwister und das Haus war immer voller Besuch.“ Eine typische Antwort.

Kinder in belasteten Familien / Familieninterventionen Die MentorInnen gehen in die Familie, entlasten parentifizierte Kinder, sind oft AnsprechpartnerInnen sowohl für Mütter bzw. Eltern als auch für die Kinder bei akuten Problemen. Wenn nötig begleiten sie die Familien bei Arzt- und Behördenbesuchen und vermitteln dort sprachlich und kulturell, eine Aufgabe, die sonst unangemessen von den Kindern getragen wurde. Sie unterstützen die Mütter oder Eltern, wieder erzieherische Kompetenzen zu entwickeln. Z.B.

  • Zwei sieben- und zwölfjährige kurdische Kinder, die von ihrer schwer traumatisierten Mutter alleine erzogen werden. Auch durch die Begleitung konnte die Familie stabilisiert werden und die Mutter wurde in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt. Auch der Aufenthalt wurde abgesichert, die Mutter besucht nun einen Integrationskurs.
  • Ein 16jähriger aus Sri Lanka, der alleine mit seinem psychisch kranken Vater lebt. Die Mentorin fungiert als weibliche Ansprechpartnerin im Alltag.

Die MentorInnen

Es konnte ein großer MentorInnenpool von über 40 MentorInnen aus über 20 afrikanischen, arabischen, asiatischen, europäischen und lateinamerikanischen Ländern aufgebaut werden, die bei Bedarf einsatzbereit sind. Einige von ihnen haben die dreijährige Ausbildung als Sprach- und KulturmittlerInnen der Diakonie Wuppertal absolviert. Diese Kenntnisse erweisen sich in der Arbeit als ausgesprochen nützlich.

Die MentorInnen wurden mit anfänglicher Probephase an die jeweiligen KlientInnen vermittelt. Die Begleitung der jungen Flüchtlinge fand je nach Bedarf statt, wöchentlich zwischen einer und zehn Stunden, in der Anfangsphase, bei speziellen Anforderungen und in Krisen intensiver, mit zunehmender Stabilisierung abnehmend. Die Arbeit der MentorInnen wurde dicht begleitet und supervidiert. Die aktiven MentorInnen führten alle sechs Wochen Reflexionsgespräche zum Verlauf der Begleitung mit der Projektkoordinatorin. Bei akutem Klärungsbedarf wurden kurzfristige Beratungstermine anberaumt.

Es fanden regelmäßige Treffen aller aktiven MentorInnen statt. Einerseits ging es darum, voneinander zu lernen: die einzelnen stellen ihre Arbeit in der Gruppe vor, es gab einen Austausch über besondere Schwierigkeiten, Erarbeitung von Lösungen mit Hilfe von Rollenspielen, es ging um die Erstellung eines "Profils" für das Berufsbild der MentorIn. Die hauptamtlichen Fachkräfte vermitteltn zudem relevante Inhalte (z.B. zum Umgang mit Traumatisierten, rechtliche Hintergründe der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Techniken der Psychohygiene etc.). Die MentorInnen konnten darüber hinaus an einer regelmäßigen Supervisionsgruppe im PSZ teilnehmen.

Die Erfahrung in der Arbeit mit Honorarkräften aus den Herkunftsländern der KlientInnen ist sehr positiv. Teilweise verfügen die MentorInnen über eine pädagogische Ausbildung, andere über hinreichend Lebenserfahrung und persönliche Eignung. Sie bringen einen reichen Wissensschatz über kulturelle Hintergründe und Bewältigungsstrategien mit und verfügen über die eigene Erfahrung der Migration.

Direkte Beratung und Unterstützung für junge Flüchtlinge und Familien

Sämtliche Flüchtlingsjugendliche und –eltern, die im Rahmen des MUT-Projekts muttersprachlich begleitet werden, erhielten ergänzend – je nach Bedarf mehr oder weniger intensiv – direkte Beratung und Unterstützung bei den Fachkräften des PSZ. Sehr viel Einsatz erforderte bei den meisten die Absicherung ihres Aufenthaltes. Ohne soziale Sicherheit ist im Grunde keine Stabilisierung möglich. Zusätzlich gab es eine Reihe von psychisch belasteten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die keine MentorInnen-Begleitung erhalten, sondern ausschließlich psychosoziale Beratung, entweder weil sie zu schwer und vielfältig belastet waren und eine Honorarkraft schlicht überfordert gewesen wäre, oder weil sie selbst zwar dringend Unterstützung, aber keine muttersprachliche Begleitung wünschen. Diese KlientInnen wurden meist sehr intensiv betreut und auch in Jugend-Maßnahmen vermittelt.

Im Jahr 2006 wurden z.B. insgesamt 73 Kinder und Jugendliche von den beiden Projektverantwortlichen direkt betreut, unter anderem:

  • Eine 23jährige aus Kamerun mit Verdacht auf Dissoziative Identitätsstörung aufgrund massiver Gewalterfahrungen im Heimatland.
  • Ein 23jähriger aus Äthiopien, der an einer schweren Depression leidet. Um ihm eine Tagesstruktur, Aufgaben und Erfolgserlebnisse zu vermitteln, hilft er ehrenamtlich im PSZ mit. Gleichzeitig wird er bei der Arbeitssuche unterstützt.

Gruppenaktivitäten mit Jugendlichen

„In meiner Klasse weiß keiner, dass ich ein Flüchtling bin,“ sagt Fatima aus Tschetschenien. „Ich schäme mich so, unter welchen Bedingungen meine Mutter und ich leben müssen. Deshalb lade ich auch nie jemanden zu mir nach hause ein.“

In der Jugendgruppe muss Fatima sich nicht verstellen. Hier kann sie mit den anderen Mädchen auch über die Dinge sprechen, die sie sonst für sich behält. Zum Beispiel, wie schlimm es war, als sie als einzige aus ihrer Klasse nicht mit auf die Klassenfahrt nach London fahren konnte, weil sie keine Papiere hat, und welche Geschichte sie sich ausgedacht hat, damit keiner merkt, was wirklich los ist. In der Gruppe ist das „Flüchtling-Sein“ normal und ist kein Grund, sich zu schämen. Und langsam kann Fatima dieses Selbstbewusstsein auch mit in ihren Alltag nehmen:

„Ich habe ja im Vergleich zu vielen, die hier aufgewachsen sind, viel erlebt und viel Erfahrung. Ich glaube, das mir das hilft, im Leben und später im Beruf, zum Beispiel mit schwierigen Situationen klar zu kommen und anderen zu helfen.“

Theaterprojekt

Startschuss für die Jugendgruppe war das Theaterprojekt, das wir mit den Jugendlichen, die im Rahmen des MUT-Projekts im PSZ begleitet werden, durchgeführt haben. Vom 30.09. bis zum 03.10.2006 haben zehn Jugendliche unter Anleitung von Matthias Huppenbauer (MachArt), spielerisch gemeinsam ein Theaterstück zu ihren Träumen erarbeitet. Die Theaterarbeit übertraf alle unsere Erwartungen. Das „Produkt“, das 25minütige Theaterstück, war sehr beeindruckend, sehr ernsthaft und intensiv, gleichzeitig phantasievoll und musikalisch. Die Erfahrungen der Jugendlichen, die zu ihrer Flucht führten, fanden genauso Platz wie ihre Träume von einer besseren Welt.

Warum Theater mit jungen Flüchtlingen?
Theaterarbeit mit jungen Flüchtlingen erscheint uns als geradezu ideale Methode. In der Gruppe können die Jugendlichen ihre Isolation aufheben, miteinander in Kontakt und in Austausch kommen und sich trotz der häufig vorhandenen Sprach-Schwierigkeiten ausdrücken. Das Selbstwertgefühl der TeilnehmerInnen wird deutlich gestärkt. Spielerisch erweitern sie ihre Handlungskompetenzen, lernen bspw. öffentlich laut und deutlich zu sprechen, was ihnen später in der Schule oder bei der Suche nach einem Arbeitsplatz nützlich ist.

Positive Erfahrungen und der Wunsch nach mehr...
Ein Theaterstück zu erarbeiten und aufzuführen war für die Jugendlichen ein großes Erfolgserlebnis. Noch wichtiger aber war der Prozess der gemeinsamen Arbeit. Im Verlauf des viertägigen Theaterprojekts blühten viele der Jugendlichen geradezu auf. Spielerisch und über Sprachbarrieren hinweg mit anderen Jugendlichen in Kontakt zu kommen, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind, sowie die Erfahrung, die Dinge, die sie beschäftigen, einbringen zu können, war für alle sehr wertvoll. Und bei aller Schwere der zugrunde liegenden Themen: es wurde viel gelacht, gesungen und getanzt.

Die Jugendlichen waren begeistert und wünschten sich alle weiterzumachen, sich regelmäßig zu treffen. Weitere würden gerne hinzukommen. Nach dieser positiven Erfahrung beschlossen wir, im nächsten Jahr ein größeres Projekt gemeinsam mit MachArt durchzuführen. Dazu wurde ein Zuschuß bei der Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit Bildung Kultur e.V. beantragt. Im Herbst 2007 wird Matthias Huppenbauer an drei Intensiv-Wochenenden mit den Jugendlichen ein Theaterstück erarbeiten, das im November öffentlich aufgeführt wird.

Eine solche öffentliche Theateraufführung ist nach unserer Einschätzung besonders geeignet für die Sensibilisierung einer interessierten Öffentlichkeit für die Lebenssituation der jungen Flüchtlinge. So kann einerseits Verständnis geweckt werden für Fluchthintergründe, gleichzeitig zeigen die Jugendlichen sich nicht nur als „Opfer“, sondern zeigen ihre vielfältigen Kompetenzen. Diese Arbeit kann somit gegen Rassismus und Vorurteile wirken.

Regelmäßige Jugendgruppe

Eine inzwischen feste und bei den TeilnehmerInnen äußerst beliebte Einrichtung ist die Jugendgruppe des PSZ. Die Theaterarbeit war der Beginn regelmäßiger Treffen, seitdem werden alle drei bis vier Wochen gemeinsame Aktivitäten angeboten, die den Wünschen und Interessen der jungen Flüchtlinge entsprechen. Die Treffen sollen den Jugendlichen den Austausch untereinander ermöglichen, auch zum Kennenlernen anderer kultureller Traditionen und Freizeitaktivitäten führen. Wir wollen den Jugendlichen angesichts der oft vielfältigen Schwierigkeiten, Belastungen und oft großen Einsamkeit in ihrem Alltag nicht zuletzt die Möglichkeit bieten, sich wohl zu fühlen, gemeinsam eine gute Zeit zu verbringen, sich in der Gruppe zugehörig und geborgen zu fühlen. Nach einer Zeit der Schüchternheit hat sich bei den Jugendlichen ein Wir-Gefühl entwickelt, und ca. 20 junge Flüchtlinge nehmen inzwischen an den Gruppenaktivitäten teil. Im Dezember gab es eine Weihnachtsfeier mit gemeinsamem Plätzchenbacken.

„Das war der erste gedeckte Tisch, an dem ich in Europa zusammen mit Freunden gesessen habe.“, sagt Steve. „Das werde ich nie vergessen. Und das nächste Mal möchten wir afrikanisch kochen und zusammen im Kreis auf dem Boden sitzen, damit ihr das auch kennenlernt.“

Im Januar gingen wir Schlittschuhlaufen, für fast alle das erste Mal. Steve: „Schlittschuhlaufen. Das habe ich schon als Kind in Afrika im Fernsehen gesehen und habe mir immer gewünscht, das mal zu probieren.“

Weiter ging es mit dem gewünschten afrikanischen Kochen und Essen, es gab eine Schnitzeljagd in der Umgebung des PSZ, Picknick am Rhein und gemeinsames Fußballspielen (und den Wunsch, eine PSZ-Fußballmannschaft zu gründen), Schwimmen gehen, einen Spielenachmittag und einen Ausflug zum Kirchentag. Gemeinsam mit MitarbeiterInnen der Aktion Weißes Friedensband wird es im Sommer eine fünftägige Ferienfreizeit im Westerwald geben, auf die sich alle schon sehr freuen.

„& Co“: Kooperation von Jugendhilfe und Flüchtlingsarbeit

Der zweite Projektschwerpunkt ist die Beratung und Unterstützung von Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, die mit psychisch belasteten Flüchtlingskindern und -jugendlichen arbeiten und die Verbesserung der Kooperation dieser Einrichtungen mit der Flüchtlingssozialarbeit.

Mit dem Kooperationspartner Karl-Schreiner-Haus finden regelmäßige kollegiale Fallbesprechungen statt. PädagogInnen anderer stationärer Einrichtungen, die mit Flüchtlingsjugendlichen arbeiten, nehmen immer wieder Fachberatung zu flüchtlings-, kultur- und traumaspezifischen Fragestellungen sowie kollegiale Fallsupervision wahr.

Wichtig ist die Vernetzung der Einrichtungen, die mit der Zielgruppe arbeiten. Das PSZ hat sich dem Fachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF e.V.) angeschlossen und nimmt regelmäßig an den Regionaltreffen für NRW sowie dem Bundestreffen teil und engagiert sich in dem UMF-Arbeitkreis, der Anregungen für eine verbesserte Umsetzung des neuen Kinder- und Jugendhilfegesetzes KICK bezüglich der Inobhutnahme unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge erarbeitet. Auch auf kommunaler Ebene bemüht sich das PSZ um eine Vernetzung mit den entsprechenden Einrichtungen.

Ein besonderes Augenmerk legt das Projekt auf besonders vulnerable Gruppen wie Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution oder ehemalige Kindersoldaten. Gemeinsam mit der „Aktion Weißes Friedensband“ arbeitet das PSZ an der Vernetzung ehemaliger Kindersoldaten, die als junge Flüchtlinge in Deutschland leben sowie der Fachkräfte, die mit ihnen arbeiten.

Fachtagungen

In Kooperation mit dem Therapiezentrum für Folteropfer – Caritas Flüchtlingsberatung, Köln, und der Regionalen Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien, Köln (RAA) haben wir die 2005 Veranstaltung „Flucht nach vorn - die Arbeit mit jungen Flüchtlingen in Schule und Jugendhilfe“ vorbereitet und durchgeführt. An der eintägigen Veranstaltung haben 80 PädagogInnen teilgenommen.

2006 haben wir mit dem Referat für Erzieherische Hilfen des Diakonischen Werks der ev. Kirche im Rheinland, gemeinsam mit unserem Kooperationspartner, dem Diakoniewerk Essen (Karl-Schreiner-Haus) und in Kooperation mit dem Evangelischen Fachverband für Erzieherische Hilfen sowie dem Therapiezentrum für Folteropfer der Caritas Köln eine Fachtagung zu interkultureller Kinder- und Jugendarbeit durchgeführt.

Es kamen 42 TeilnehmerInnen von stationären- und ambulanten Jugendhilfe-Einrichtungen verschiedenster Träger, Sozialämtern, Jugendämtern, Kinder- und Jugendpsychiatrischen Praxen und Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge. Die Rückmeldungen waren durchweg äußerst positiv und es bestand der deutliche Wunsch nach weiteren derartigen Fortbildungs- und Vernetzungsangeboten.

Fazit und Perspektiven

Der Bedarf an kompetenter Beratung und Begleitung für Flüchtlingsjugendliche und Fachkräfte in der Region, der bislang noch nicht gedeckt ist, wurde im Verlauf der Arbeit sehr deutlich. Inzwischen ist das Projekt bei Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in der Region sehr bekannt und das Angebot an Information, Beratung und Unterstützung wird gut angenommen. Die Mitarbeiterinnen werden auch zunehmend als Referentinnen angefragt. Für viele der betreuten Kinder, Jugendliche und Familien konnte eine deutliche Stabilisierung erreicht werden. Von den Gruppenaktivitäten sind die Jugendlichen begeistert und sie entwickeln ein Gefühl von Zusammenhalt.

Im Jahr 2007 steht an, dass die laufenden Begleitungen zum Jahresende hin entweder abgeschlossen oder aber an die Regeldienste und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe weitervermittelt werden, damit Kinder, Jugendliche und Familien, die noch Unterstützung benötigen, weiter betreut werden können. Hier ist es nötig, einen guten Übergang zu gewährleisten, damit die erreichten Stabilisierungen nicht gefährdet werden. Zum Ende des Jahres soll es dazu eine Abschluss-Fachtagung für MitarbeiterInnen der Kinder- und Jugendhilfe geben, bei der die Projektergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert werden. Außerdem sollen sie in Form einer Broschüre publiziert werden.

Am wichtigsten jedoch sind für uns die vielen guten Entwicklungen, bei denen wir unsere jungen KlientInnen begleiten durften. Schulabschlüsse konnten gefeiert werden, Ausbildungsmaßnahmen wurden gefunden, für einige konnte der Aufenthalt gesichert werden, viele konnten sich weitgehend stabilisieren...

Ein Schlusswort von Patrick:

„Ich weiß, dass du mir jetzt wieder sagen wirst, dass das alles meine eigenen Leistungen sind. Aber ich möchte noch mal betonen: Ohne eure Unterstützung hätte ich das nicht geschafft! Das ist mir wichtig zu sagen, und dass ihr das ernst nehmt, weil es so viele gibt, die diese Hilfe noch brauchen, damit sie ihren Weg finden.“

Quellen

  1. Autorin: Dima Zito
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