Fachberatung zu Trauma - Kultur - Asyl

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von Cinur Ghaderi

Wer sucht nach fachlicher Unterstützung?

Aufgrund rückläufiger Kapazitäten bei gleichbleibend hohen Nachfragen im psychologisch-psychotherapeutischen Bereich kam es vermehrt zu Fachberatungen von KollegInnen im Gesundheits- und Sozialbereich, telefonisch, persönlich und teilweise auch prozessbegleitend. Die Fachberatungen stellten sehr unterschiedliche Anforderungen und variierten von Sensibilisierung für das Kernthema des jeweiligen Klienten im Gespräch mit den Kollegen bis hin zu Clearinggesprächen mit den Klienten selbst oder mit ihren Angehörigen, letzteres besonders bei jungen Klienten. Unsicherheit entstand aus meiner Beobachtung häufig, wenn die KlientInnen oder manchmal auch die Noch-Nicht-KlientInnen ins Blickfeld der Fachkräfte kamen und nicht in ein bekanntes Analyse-Raster passten:

Junge Flüchtlinge,, die einem Schulsozialarbeiter oder einer Lehrerin aufgefallen waren durch aggressive oder depressive Verhaltensauffälligkeiten. Unklar war ihnen, ob diese Jugendlichen nun traumatisiert waren und ob ggf. die Ursache der Traumatisierung in den dramatischen Fluchterfahrungen oder Kriegserfahrungen in der Heimat lag. Ferner, wie sie die Jugendlichen konkret unterstützen konnten.

Positiv ist anzumerken, dass die Pädagogen nicht nur registrierten, dass diese Kinder und Jugendlichen evtl. Erfahrungen mit sich bringen, die ihnen das aktuelle Leben erschweren, sondern sich auch ausreichend zuständig fühlten, in einer spezialisierten Einrichtung wie dem PSZ nachzufragen und um fachliche Unterstützung zu bitten.

Welche Unterstützung können wir anbieten?

Doch welche Unterstützung konnte das PSZ bieten, die diese Fachkräfte in Schulen, Jugendämtern, psychologischen Praxen in ihrer Arbeit weiterbringen konnte?

Im einfachsten Fall war es die Vermittlung von Information und Kontakten, wie z.B. der Hinweis auf bestehende Netzwerke oder TherapeutInnen in der Region oder DolmetscherInnen in einer bestimmten Sprache. In manchen Fällen war es die Supervision über den jeweiligen Fall im Sinne einer gemeinsamen Durchsicht der durchgeführten und geplanten Interventionsschritte. In anderen Fällen war ein Gespräch mit den KlientInnen notwendig, um zu schauen wie kongruent die geplanten Interventionsschritte des jeweiligen Kollegen mit den Bedürfnissen des Klienten waren.

Ein Beispiel

Ein anschauliches Fallbeispiel soll die Vielgleisigkeit und Vielschichtigkeit des Vorgehens veranschaulichen: Das Jugendamt der Stadt X. wendet sich an das PSZ im Fall einer Familie aus dem kollektiven-muslimischen Kulturkreis. Die Familie lebt seit sechs Jahren in Deutschland und hat den Aufenthaltsstatus der Duldung.

Die Tochter reißt von zu Hause aus, kommt mit ihrem Geliebten - der die gleiche Herkunft hat wie die Familie - einige Zeit später nach Hause zurück. Die Eltern erscheinen fortschrittlich, willigen in eine Verlobung und religiöse Heirat ein. Ihnen sei wichtig, dass ihre Tochter ihren Bildungsweg weiter gehe und ihre Zukunft sichere. Nach der religiösen Heirat betonen sie immer wieder ihre Haltung, dass sie die frühe Heirat der Tochter im Grunde als Fehler sehen, als Hindernis für ihr Leben und raten ihr zur Trennung, zumal der Mann nicht religiös genug sei und es Gerüchte gäbe, er habe keine gute Lebensführung. Das Mädchen möchte in die Obhut des Jugendamts und auf jeden Fall getrennt werden von der Familie, sie fühle sich von ihnen bedroht. Die Äußerungen ihrer Tochter halten die Eltern für völlig abwegig.

Hier gibt es viele Perspektiven und Fragen zu berücksichtigen, die in der Fachberatung mit einer der PSZ-Psychologinnen eruiert und erörtert wurden: die Perspektive des Mädchens, der Eltern und der Verantwortungsbereich des Jugendamtes. Gleichzeitig gibt es viele offene Fragen: Wenn die Eltern sehr streng sind, wie gelingt es dem Mädchen einen Geliebten zu haben und wieso wagt sie es, anschließend nach Hause zu kommen, wenn dort Gefahr lauert? Warum möchten die Eltern, dass sie ihren Geliebten heiratet, um dann wieder die Trennung zu verlangen? Wie religiös sind die Beteiligten und was bedeutet das in der Praxis für ihre Handlungen? Was bedeutet „keine gute Lebensführung“ des Mannes? Warum möchte das Mädchen von ihrer Familie getrennt werden, obwohl sie vorher selbst zurückgekehrt ist? Gibt es für sie ein Gefährdungsrisiko in der Familie? Hat der Aufenthaltsstatus für das Vorgehen eine Relevanz? usw. usf.

Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen stößt der Mitarbeiter des Jugendamtes an eine basale Grenze: die Sprache als Kommunikationsmittel. Die Eltern sprechen nicht ausreichend deutsch, die Tochter, die involviert ist, kann wohl kaum in diesen Fragen aushelfen und die Eltern möchten keinen Dolmetscher aus ihrem Sprach- und Kulturkreis, da sie fürchten, ihren guten Ruf in der Community zu verlieren, wenn ihre Familiengeschichte durch ein Schweigepflichtsieb sickert. Erst nach langem Hin und Her, als die Verzweiflung der Eltern zu groß wurde und ein potentieller Dolmetscher im Hinblick auf seine Schweigekompetenz ausreichend Durchleuchtet schien, ließen sie ein Gespräch zu. An dieser Stelle war die Kompetenz des PSZ gefragt, da wir nicht nur über einen Dolmetscherpool für verschiedene Sprachen verfügen, sondern diese Dolmetscher auch schulen und in Kontakt mit ihnen stehen, so dass individuell, regional und fallbezogen entschieden werden kann, welche DolmetscherIn fallspezifisch zu präferieren ist.

Während die Perspektive der Eltern auf diese Weise offen gelegt werden kann, benötigt man unabhängig davon die Sichtweise des Mädchens, um die Glaubwürdigkeit der Sorge der Eltern zu überprüfen und um besser einzuschätzen, wie das Verhalten der Tochter einzuordnen ist. Ein psychologisches Gespräch im PSZ bringt zutage, dass sie sowohl durch Ereignisse in der Heimat vor der Flucht als auch innerhalb der Familie Gewalt erlebt hatte, die zu Traumafolgestörungen geführt hatten und den Bedarf und Wunsch nach psychotherapeutischer Behandlung erkennen ließen. Ferner gab es viele Unstimmigkeiten bei den Äußerungen zwischen Eltern und Kind. Das Gefährdungsrisiko konnte aufgrund der neuen Informationen neu bewertet werden. Auch konnte ihr ein Therapieplatz vermittelt werden.

Ohne ins Detail zu gehen, spielten für die Analyse dieses Falles Hintergrundsinformationen aus der Herkunftskultur politisch und religiös eine Rolle. Es existierten Familiengeschichten, die das Mädchen Angst hatte offen zu legen, da sie glaubte, es habe Konsequenzen für den Aufenthalt der Gesamtfamilie einschließlich kleinerer Geschwister. Es gab ein ernstzunehmendes Gefährdungsrisiko für weitere Gewalt in dem familiären Umkreis, der sich auch bis in die Heimat hinein ausgewirkt hätte. Die Netzwerke und Kontakte des PSZ mit erfahrenen Dolmetschern und Therapeuten, die traumatherapeutisch und kultursensibel arbeiten, die Möglichkeit, zeitnah Krisengespräche und Clearing-Gespräche anzubieten, die Kenntnisse über religiöse und kulturelle Hintergründe des Herkunftslandes, sowie die Möglichkeit, sich beim multiprofessionellem Team innerhalb des PSZ z.B. beim Sozialteam über aufenthaltsrechtliche Fragen beraten zu lassen, ebenso hilfreiche Hinweise aus dem Kinder- und Jugendbereich konnten zu einer gelungenen Fachberatung führen, die in diesem Fall prozesshaft über Monate und über verschiedene Kommunikationsmittel geführt wurde und vermutlich sowohl kurativ als auch präventiv gewirkt hat.

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