Eine Schlüsselgeschichte

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Ismael erzählt von seinen Geldsorgen.
Jaja, Mama Esther [1], die habe er immer.
Und jetzt habe er, bestimmt wegen seiner ständigen Nervosität, auch noch den Schlüssel seines Heimzimmers verloren.
Und habe ihn mit 50 Euro von seinem Taschengeld ersetzen müssen! Ach, sein Zimmerschlüssel.
Den hat er immer lose in seiner Hosentasche getragen. Jetzt hat er einen neuen.
Er befördert ihn von dem vertrauten Ort, seiner Hosentasche, zu Tage.

Esther schlägt die Hände zusammen: Aber nein, ab jetzt wirst du diesen Schlüssel nicht wieder so befördern! Sie holt einen schönen großen Schlüsselring aus ihrer Schublade. An dem kann Ismael seinen einzelnen Schlüssel nun befestigen.
Was meinst du, fragt Esther, was wird der nächste Schlüssel sein, den du an diesen Bund hängen wirst?
Ismael überlegt. Wenn er eines Tages seine Ausbildung abschließt, dann wird er irgendwann auch einen Job haben. Und dann wird er sicherlich auch einen Ort haben, wo er arbeitet. Ein Büro. Mit einer Tür zum Abschließen. Und wenn er eines Tages einen Aufenthaltstitel hat, dann wird er sicherlich auch bald allein leben können. In einer Wohnung. Also wird er einen Schlüssel zu seiner Wohnungstür haben. Und einen, zum Aufschließen der Eingangstür des Hauses. Und dann natürlich auch einen Schlüssel zum Briefkasten. Und dann, irgendwann, später, wird er vielleicht sogar einen Schlüssel zu seinem eigenen Auto besitzen.

Im Moment hat er zwar erst einen einzigen Schlüssel an seinem Bund. Aber wer weiß, irgendwann werden es sicherlich viel mehr sein.
Und dieser einzelne Schlüssel ist jetzt auch nicht mehr einfach nur lose in seiner Hosentasche. Nein, jetzt besitzt er einen ganzen Schlüsselbund. Mit einem Stofftier als Anhänger. Weil er ihn in seiner Tasche nun gut wahrnehmen kann, wird der Schlüssel nun nicht einfach wieder verschwinden. Ismael wird jetzt gut auf ihn aufpassen.

Und jedes Mal, wenn er den Schlüsselbund in seiner Tasche spürt, dann wird er an all die Dinge erinnert, die sich damit verbinden.
Seine Zukunft. Seine Hoffnungen. Und dieser Gedanke kann einen kurzen Moment der Freude darstellen.

Ein Schlüssel und ein Schlüsselbund - banale Alltagsgegenstände werden zum Anlass, um darauf eine Geschichte des Entdeckens aufzubauen. Zur Entdeckung von Ressourcen, die in den Wünschen und Träumen von Ismael verborgen liegen. Der Schlüssel wirkt als Symbol, der im wahrsten Sinne des Wortes die Zukunft des Jugendlichen aufschließt und ihm die Sicht auf seine Zukunft und seine Hoffnungen ermöglicht. Der Schlüssel als Symbol des Aufbruchs ist gleichzeitig aber auch ein Symbol, das Schutz bietet. Er öffnet nicht nur die Türen zu einem Raum, sondern ermöglicht auch das Abschließen dieser Türen. Und damit eine autonome Grenzmarkierung. Der Schlüssel als Schlüssel zu einem positiven Blick auf das Leben.


Fußnote

  1. In manchen afrikanischen Ländern ist die Anrede mit "Mama + Vorname" die respektvolle Art, wie ein jüngerer Mensch mit einer älteren Frau spricht.
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