D'dorfkind

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D’dorfkind - Trauma- und kultursensible Behandlung für Flüchtlings- und Migrantenkinder in Düsseldorf

Ein Projekt gefördert durch die Bürgerstiftung Düsseldorf. Das Ursprungsprojekt startete am 1.Juli 2014. Aufgrund des Erfolgs unterstützt uns die Bürgerstiftung mittlerweile im dritten Projektjahr mit einer Laufzeit vom 01.01.2017 bis 31.12.2017.

Der Titel des Projekts D’dorfkind soll zum einen zum Ausdruck bringen, dass Kinder jeglicher Herkunft Düsseldorfer Kinder sind. Zum anderen soll es den Wunsch verdeutlichen, dass die Gemeinschaft, wie in einem Dorf, sich zuständig fühlt für das Wohl aller hier lebenden Kinder.

Kinder sind besonders schutzbedürftig in Flucht- und Migrationssituationen. Viele haben selbst Gewalt erlitten oder mitangesehen, andere können hier in einem fremden Land von ihren traumatisierten Eltern nicht die Sicherheit und Anleitung bekommen, die sie benötigen.

Wie wichtig diese Sicherheit ist, zeigt eine grundlegende Studie, die gleichzeitig Anlass zu therapeutischem Optimismus gibt. Hans Keilson betreute nach dem Krieg jüdische Waisenkinder, die im KZ waren oder in Verstecken überlebt hatten, und er untersuchte die Wirkungen der verschiedenen Phasen einer Traumatisierung. Die erste traumatische Sequenz ist die beginnende Verfolgung, die Zerstörung von sozialen Strukturen, die zweite traumatische Sequenz die Zeit der direkten Verfolgung, des Versteckens, der Gefangenschaft im KZ, die dritte traumatische Sequenz die Zeit nach dem Nationalsozialismus und Krieg. Keilson stellte fest, dass für den weiteren Verlauf des Lebens die dritte Phase die ausschlaggebende war. Fanden die Kinder nach der Verfolgung eine Geborgenheit gebende Umgebung, konnten sie auch schwerste Traumata bewältigen. War das Leben nach der Verfolgung von Unsicherheit, Verlusten, Ablehnung und Stress geprägt, dann setzte sich die Traumatisierung fort, wurde chronisch und die seelischen Verwundungen hatten erhebliche Auswirkungen auf die weitere Entwicklung.

Die Lebensbedingungen nach traumatischen Ereignissen sind entscheidend für die weitere Zukunft, für eine gesunde oder schwierige Entwicklung. Eine Erkenntnis, die Hoffnung macht und Verantwortung auferlegt: wenn auch schwerste Traumata durch eine anschließende Sicherheit und Geborgenheit gebende Umwelt überwindbar sind, ist es unsere Verantwortung, für diese Sicherheit zu sorgen.

Die Situationen, die Anlass geben, das PSZ aufzusuchen sind oft dramatisch:

  • Eine Eritreerin hat mit ihren beiden Töchtern (7 und 9 Jahre) eine lange Flucht über Äthiopien, Sudan und Libyen hinter sich. In Libyen waren sie monatelang in einem Lager inhaftiert, wo die Kinder viele Gewalttaten ansehen mussten.
  • Die 15-jährige Tochter einer Roma-Familie aus dem Kosovo gerät immer wieder in krisenhafte, manchmal suizidale Zustände. Die Familie hat eine Geschichte von Krieg, Vertreibung und Diskriminierung hinter sich. Die Mutter wurde im Beisein ihrer Kinder vergewaltigt, um den Vater unter Druck zu setzen, bei einer paramilitärischen Organisation mitzuarbeiten. Beide Eltern und die beiden ältesten Mädchen leiden an traumareaktiven Störungen, der 10-jährige Sohn an Epilepsie und einer erheblichen Entwicklungsverzögerung.
  • Der 17-jährige Afghane verletzt sich immer wieder drastisch selbst und zieht sich völlig zurück. Die BetreuerInnen seiner Jugendwohngruppe fühlen sich überfordert, es gelingt ihnen nur schwer, in Kontakt mit dem Jugendlichen zu kommen. Sie möchten abklären lassen, ob der Jugendliche stationär behandelt werden sollte.
  • Eine junge Frau aus Bosnien meldet sich in perfektem Deutsch an. Sie hat als Kind in Deutschland gelebt, ist zurückgekehrt und nun mit drei kleinen Kindern aus einer Gewaltbeziehung zurück nach Deutschland geflohen. Der älteste Sohn, 6 Jahre, ist gehörlos. Sie fühlt sich überfordert und ausgelaugt und möchte Hilfe für ihre Kinder, die die Gewalttätigkeiten ihre Vaters miterlebt haben.

Neben den flüchtlings- und migrationsspezifischen Belastungen wirken die mangelnde Vertrautheit mit den Erziehungsvorstellungen der Aufnahmegesellschaft und das Wegfallen heimischer Unterstützungsstrukturen auf manche Familien destabilisierend. Kinder werden in solchen Situationen oft Symptomträger, sie werden auffällig. Die Familien brauchen in solchen Situationen, die mit vielen Fragen und Ängsten verbunden sind, Begleitung und Vermittlung, manchmal auch Therapie.

Die Plätze in spezialisierten Einrichtungen, wie das PSZ, sind rar. Umso wichtiger ist es, diejenigen Stellen, zu denen die Familien Zugang haben, für einen trauma- und kultursensiblen Umgang zu qualifizieren. Der psychosoziale Bedarf von Kindern und Jugendlichen, vor allem von denen, die von Gewalt, Traumatisierung, Trennungen betroffen sind, soll frühzeitig erkannt werden, der Zugang zu geeigneter Versorgung und Begleitung gebahnt und Eltern und PädagogInnen beraten werden.

Projektaktivitäten

Flüchtlings- und Migrantenfamilien sind auch im Bereich der grundlegend notwendigen medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung noch keinesfalls ausreichend inkludiert. Rechtliche, sprachliche und (vermeintlich) kulturelle Voraussetzungen und Informationsbedarf auf Seiten der BehandlerInnen wie der Zuwanderer wirken als Zugangsbarrieren. Das Projekt D’dorfkind soll Impulse geben in Richtung auf eine bessere Inklusion zumindest der besonders schutzbedürftigen Kinder in das Gesundheitssystem und in die Gesellschaft.

Das Projekt kann nur für eine relativ kleine Gruppe Kindertherapie und Elternberatung bereitstellen. Bei allein ca. 2.500 asylsuchenden Minderjährigen in Düsseldorf und einer wesentlich höheren Zahl von geduldeten Flüchtlingen, Asylberechtigten und von Migrantenfamilien mit einer Fluchtbiographie aber einem anderen aufenthaltsrechtlichen Status kann im Rahmen eines Projekts kein bedarfsdeckendes Angebot gemacht werden. Deshalb konzentrieren sich die übrigen Aktivitäten auf die Anbieterseite medizinischer, therapeutischer und sozialpädagogischer Leistungen.

Die folgenden Aktivitäten wurden im Laufe des 1. Projektjahres durchgeführt:

  • Kindertherapie und Elternberatung. Parallel dazu werden für die KlientInnen bei Bedarf Sprach- und KulturmittlerInnen zur Begleitung bei Arzt- und Behördenbesuchen eingesetzt.
  • Info- und Servicenetz für Kinderärzte/innen, KindertherapeutInnen, Erziehungsberatungsstellen, schulpsychologische Dienste, Gesundheitsamt etc. in Düsseldorf
  • 2 Newsletter mit Informationen zu kultur-, trauma-, asyl- / migrationsspezifischen Fragen - ausgewählt und aufbereitet für die Zielgruppe
  • wöchentliche Telefonhotline für Fall- und Fachberatung
  • Vermittlung von Sprach- und KulturmittlerInnen für Behandlung und Beratung und v.a. für die begleitenden Elterngespräche
  • für einige Praxen / Beratungsstellen je zwei Dolmetscherstunden für Beratung / Behandlung / Elterngespräche bezahlt aus Projektmitteln
  • faires psychologisches Testen für Kinder und Jugendliche durch ein kulturunabhängiges, non-verbales Testverfahren im PSZ für Kinder / Jugendliche
  • Angebot einer Informationsveranstaltung zu spezifischen Anforderungen in der Behandlung von Flüchtlings- und Migrantenkindern zu den Aspekten trauma- und kultursensibles Handeln, Arbeit mit Dolmetschereinsatz u.ä.

Im 2. Projektjahr wurden folgende Schwerpunkte gesetzt und fortgeführt:

  • Kindertherapie, Familientherapie / Elternberatung, Clearinggespräche
  • Therapien für besonders schutzbedürftige, (unbegleitete) minderjährige Flüchtlinge
  • Stellungnahmen für aufenthaltsrechtlich relevante Ämter und Behörden
  • Non-verbale Intelligenztests
  • Schulungen und Öffentlichkeitsarbeit
  • Kooperationen und Aufbau von Netzwerken: Diakonie Düsseldorf, Liddy-Dörr-Haus, LVR-Klinik und vielen mehr
  • Vermittlung von Sprach- und KulturmittlerInnen
  • Telefonhotline.

Im 3. Projektjahr sollen speziell für Flüchtlingskinder und -jugendliche, dabei vor allem für die unbegleiteten Jugendlichen, folgende Angebote in Düsseldorf bereitgestellt werden:

  • psychologische Clearings
  • bei Bedarf: Sprechstunden in Unterkünften
  • Psychodiagnostik
  • Einschätzung des Behandlungsbedarfs
  • bei Bedarf: psychologische Stellungnahmen oder Empfehlungen
  • therapeutische Begleitung oder - wenn die Kapazitäten ausreichen -
  • Vermittlung in geeignete Versorgungsstrukturen
  • Fach- und Fallberatung für PädagogInnen (LehrerInnen, ErzieherInnen, Vormünder), TherapeutInnen und SozialarbeiterInnen sowie für Ehrenamtliche
  • Erziehungs-/Familienberatung für Eltern.

Das PSZ kooperiert in diesem Projekt mit zahlreichen Stellen im Flüchtlings- und Gesundheits- und Erziehungsbereich.

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