"Aber damals bei uns... " – Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen im Kontext der deutschen NS-Vergangenheit

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Eva van Keuk zur Verabschiedung von Landeskirchenrat Jörn-Erik Gutheil am 12.08.2008

Inhaltsverzeichnis

Sequentielle Traumatisierung: Bedeutung des Lebens im Exil

Im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge Düsseldorf arbeiten wir in einem multiprofessionellen und multikulturellen Team seit nunmehr 21 Jahren für die Belange traumatisierter Flüchtlinge. Für diejenigen unter Ihnen, die eher selten mit Flüchtlingen und diesem Thema zu tun haben, eine kleine Einführung in unser tägliches PSZ- Brot: Flüchtlinge unterliegen vielfältigen Auflagen und Beschränkungen, beispielsweise einem zeitweisen Arbeitsverbot, der so genannten Residenzpflicht (ein Flüchtling darf sich nicht ohne behördliche Genehmigung über eine bestimmte Distanz hinweg von seinem gemeldeten Wohnort entfernen), einem eingeschränkten Zugang zu Leistungen des Gesundheitswesens, einer unsicheren rechtlichen Zukunftsperspektive, bestimmten Lebensbedingungen wie z.B. Unterbringung in Flüchtlingsheimen außerhalb oder am Rande von Ortschaften, um nur einige zu nennen. Hauptsächlich sind wir mit den Belangen einer speziellen Gruppe unter Flüchtlingen betraut, nämlich mit der Beratung und der Psychotherapie von traumatisierten und/oder psychisch erkrankten Flüchtlingen.

Stellen Sie sich einen Bürgerkriegsflüchtling vor. Er hat Krieg erlebt, Gefahren überlebt, nahe Angehörige verloren. Was denken Sie, was ist der Faktor, der seinen Gesundheitszustand am stärksten beeinflusst – das, was er durchgemacht hat (sein Trauma) oder seine Lebensbedingungen nach der Traumatisierung, z.B. hier bei uns im Exil?

Hier hat Hans Keilson 1979 eine wichtige Forschungsarbeit geleistet, die immer wieder bestätigt wird und uns zu unserem eigentlichen Thema, der NS Vergangenheit, überleiten wird: An überlebenden jüdischen Kriegswaisen erforschte er nach dem 2. Weltkrieg in den Niederlanden und ihren Gesundheitszustand dessen Verlauf in den 70-er Jahren. Er unterschied drei Phasen der traumatischen Erfahrungen: Eine Phase vor dem Ausbruch der direkten Verfolgungsmaßnahmen, in der beispielsweise die Eltern in einem Klima der Unterdrückung und Angst lebten. Eine zweite Phase der direkten Verfolgungsmaßnahmen, während der Familienmitglieder ermordet wurden, die Kinder versteckt waren oder die Familien ins KZ verschleppt wurden. Und eine dritte Phase, nachdem die Lebensgefahr beendet war und die Kinder sich in Sicherheit befanden. Es stellte sich heraus: Selbst schwerste Traumatisierungen wurden verkraftet, wenn die Kinder nach der Traumatisierung in ein familienähnliches Klima kamen, wo sie feste Bindungspersonen vorfanden und sie Möglichkeiten hatten, sich kindgerecht zu entwickeln. Wesentlich war, daß die Kinder Gehör fanden und nicht über die erlebten Gräuel schweigen mussten.

Auf traumatisierte Flüchtlinge übertragen – und es gibt inzwischen eine Vielzahl an Studien bei Erwachsenen, die diesen Zusammenhang bestätigen – bedeutet dies einerseits große Hoffnung: Traumata alleine bestimmen nicht den weiteren Werdegang eines Menschen; es ist für jeden Überlebenden möglich, wieder seinen Weg zu finden. Und auf der anderen Seite bedeuten diese Studienergebnisse eine Verantwortung – für die aufnehmende Gesellschaft, denn von der aktuellen, realen Lebenssituation dieser Menschen hängt ihre Gesundheit ab. In diesem Feld arbeiten wir im PSZ, und nennen uns daher sehr bewusst nicht „Behandlungszentrum“ oder „Therapiezentrum“, sondern „Psychosoziales Zentrum“.


Die schlafenden Hunde

Abgesehen von Keilsons Ergebnissen - was hat denn unsere deutsche Vergangenheit mit unserer konkreten Arbeit im PSZ zu tun? (Vergangenheit, -bewältigung, nicht stattgefundene –bewältigung)

Wir befürchten, eine ganze Menge. Wenn ich hier vorne stehe und „wir“ sage, dann meine ich unser PSZ Team, denn wir haben uns zuvor viele gemeinsame Ideen zu dem Thema dieses Vortrages gemacht. Es gibt ausgewiesene Experten und Expertinnen zu dem Thema der deutschen Vergangenheitsbewältigung - hierzu zählen nicht wir. Die gedanklichen Querverbindungen, gesellschaftlichen Verflechtungen und psychologischen Wurzeln scheinen uns bei diesem Thema so zahlreich, daß wir direkt zu Beginn einleitend klarstellen möchten:

Wir können dieses Thema behutsam in die Hand nehmen, im Spiegel unserer zahlreichen alltäglichen Erfahrungen in der Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen in der deutschen Gesellschaft reflektieren, wir können Fragen aufwerfen – wir werden sicher keine abschließenden Antworten finden können, das wäre geradezu vermessen.


Um bei dem Bild zu bleiben, dass wir die kleinen alltäglichen Begebenheiten unserer Arbeit im Spiegel dieses Themas reflektieren, ein erstes Beispiel, das mir persönlich den Anstoß gab, mich immer wieder mit diesem Thema auseinander zu setzen:

Eine sehr engagierte Richterin am Verwaltungsgericht hatte bei uns eine Fortbildung über traumatisierte Flüchtlinge besucht. Sie war empört über die, wie sie sagte, „verbohrte Haltung“ ihrer Richterkollegen. Einige Monate später rief sie an und fragte, ob ich bereit wäre, als Referentin zu einer Fortbildung zu kommen, die sie organisiert hatte. Sie wolle, daß dieses Thema auch zu den Kollegen transportiert würde, die „sich nicht zu einer solchen Fortbildung bewegen würden – dann müsse die Fortbildung eben zu ihnen kommen.“ Ich war wirklich beeindruckt von ihrem Engagement. Nach der Veranstaltung, bei der sehr kontrovers diskutiert worden war, saßen wir gemeinsam in einem Lokal zusammen. Dies sind oft die wichtigsten Momente….

Ein Richter: „Meine Eltern mussten auch fliehen, sie sind Sudetendeutsche. Glauben Sie denn, daß irgendeiner ihnen geholfen hätte? Pah, damals gab es den Begriff Trauma doch noch gar nicht! Wenn damals schon soviel Psychogedöns die Runde gemacht hätte, wie hätte Deutschland wieder aufgebaut werden sollen? Es ging nicht um Trauma, es ging darum, in die Hände zu spucken und sein Leben wieder aufzubauen.“

Dieser Meinung war ich schon häufiger begegnet (in der Regel in den Pausen von Veranstaltungen oder beiläufig in Gesprächen und Telefonaten, meist von denjenigen, die im Kontakt mit asylsuchenden Flüchtlingen an entscheidungsbefugten Schaltstellen sitzen).

Und meine sympathische Organisatorin, die Richterin, sagte etwas, was mich bis heute beschäftigt. Sie sagte, etwas leiser im Ton und nur so laut, daß ich es verstehen konnte, „Wissen Sie, meine Vater war im Lager. Sehr lange. Als er wieder zurück kam, hat meine Mutter ihn kaum wieder erkannt, so erzählte sie es. Und er schrie jede Nacht. Ich bin 1950 geboren, und bin mit seinen Schreien groß geworden. Er hatte immer Alpträume. Und er hat nie ein Wort erzählt. Und wenn da jetzt so ein Kosovo-Albaner kommt, und er steht in meinem Gerichtssaal und erzählt von dem Lager, in dem er behauptet gewesen zu sein, wissen Sie – dann werde ich richtig sauer. Ich habe dann das Gefühl „Wie kannst Du das sagen? Wer im Lager war, kann darüber nicht reden“. Es ist fast, als würde er das Leiden meines Vaters missbrauchen, um hier ein Bleiberecht zu bekommen.“

Ich war still. Ich dachte „was für eine mutige Frau, diese Gefühle zuzulassen, zu erkennen, in Worte zu fassen.“ Ich hatte Mitleid mit dem kleinen Mädchen, das die Schreie des Vaters in der Nacht hörte, und nie mit ihm darüber sprechen konnte. Soviel Unsagbares und Schreckliches hatte sich dem kleinen Mädchen über die nächtlichen Alpträume ihres kriegstraumatisierten Vaters mitgeteilt, regelrecht eingepflanzt worden war der Lagerterror und die Überlebensangst dieses Lagerüberlebenden in seine kleine Tochter. Und saß dort immer noch, in dem kleinen Mädchen, das inzwischen groß und eine Richterin am Verwaltungsgericht geworden war.

Ich stellte mir die Angst des Vaters vor wie einen schlafenden Hund, der geweckt wurde bei bestimmten Themen – z.B. wenn ein Flüchtling angab, er wäre in einem Lager gewesen. Die Schreie des Vaters saßen immer zu tief, um zugänglich zu sein für neue Informationen – z.B. das sich Lagererfahrungen und jegliche Form extremer zwischenmenschlicher Gewalt individuell durchaus unterschiedlich auswirken können, viele nicht darüber sprechen können, aber einige eben doch. Diese Informationen erreichten den Hund nicht. Der schlafende Hund des Vaters wurde immer nur dann wach, wenn ein Lagerüberlebender im Gerichtssaal stand.

Wie viele schlafende Hunde schlummern in uns?

Und auf der anderen Seite dachte ich mit innerem Frösteln an den kosovarischen Flüchtling, der im Gerichtssaal steht und mit der im besten Fall kühlen, im schlimmsten Fall offen vorwurfsvollen Art seiner Richterin konfrontiert wird. Wir wissen: Menschen, die durch andere Menschen beschädigt wurden, Traumatisierte, reagieren auf der Beziehungsebene hypersensibel. Die Ablehnung, die ihnen entgegenschlägt, potenziert sich in ihrem Schutzverhalten. Nichts sagen, sich taub stellen, nur keine schrecklichen Gefühle hochkommen lassen, sich nicht wieder ausliefern an ein Gegenüber, der nicht einschätzbar ist.

Aber Moment – wieso sich ausliefern, könnten Sie sich fragen. Wir sprechen doch über eine Situation im Gerichtssaal in Deutschland, und nicht über eine Folter- oder Lagersituation. Ja, und genau hier liegt der Unterschied – zwischen gesunden Menschen, die auch Schlimmes überstanden haben mögen, und denjenigen, die beschädigt, traumatisiert aus einer Gewaltsituation hervorgehen. Denn zu genau dieser Unterscheidung ist man, frau, mensch dann nicht mehr fähig – die Vergangenheit scheint immer wieder die reale Gegenwart wie ein dunkler Vorhang zu verhüllen und zu verdunkeln. Es scheint unseren Klienten dann in der Tat so, als sei es wieder so wie damals.

Wir waren oft genug Zeuge von solchen Szenen in Gerichtssälen, in denen traumatisierte Flüchtlinge in ihrer Zeit zurück geworfen werden und ihre Qualen erneut durchmachen. Im Fachjargon wird dies „Flashback“ genannt und oft genug von den zuständigen Richtern mit Erschrecken und mit viel Anteilnahme beobachtet.

Zurück zu unserer Richterin und einem kosovarischen Lagerüberlebenden in ihrem Gerichtssaal. Wird sie in der Lage sein, während der Verhandlung ihren bellenden Hund zum Schweigen zu bringen? Wird sie trennen können zwischen der aktuellen Situation eines Flüchtlings und der Angst ihres traumatisierten Vaters und zu einer gerechten, dem Fall angemessenen Entscheidung kommen? Eine Entscheidung, die existentielle Folgen haben kann für diesen Flüchtling und seine Familie.

Bei unseren Besuchen im Kosovo konnten wir uns vor Ort von der Lebenssituation von abgeschobenen Familien überzeugen. Kosovarische Fachkräfte berichteten uns von der hohen Anzahl der vollendeten Suizide unter den minderjährigen Mädchen, die in Deutschland groß geworden waren und mit dem Ehrenkodex auf den Dörfern nicht zurechtkamen. Denn während beide, Richterin und Flüchtling, mit den Schatten der Vergangenheit jeweils zurechtkommen müssen, so fällt die Richterin doch ihre Entscheidung über diesen Menschen und seine Familie in der Gegenwart. Und trägt daher eine enorm hohe Verantwortung, um die wir - ganz ehrlich gesagt – aus Sicht der Hilfsorganisationen die Entscheidungsträger auch nicht immer beneiden.

Bei unserem Titel „Aber damals bei uns…. – zur Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen im Kontext der deutschen NS-Vergangenheit“ habe ich bisher eine Seite noch gar nicht thematisiert: Die Flüchtlingshelfer, professionelle oder Heilberufler oder ehrenamtliche Unterstützer der Flüchtlinge. Denn auch viele unter ihnen tragen eine Last der Eltern, oder – in meinem Fall – der Großeltern, die bei genauem Hinsehen sehr häufig eine emotionale Triebfeder für das große Engagement darstellt. Lassen Sie uns mal an die eigene Nase packen!

„Es ist doch wie unter Hitler, wir müssen Stellungnahmen schreiben und diese Menschen vor dem Verderben retten, wie die Ärzte damals.“ Zitat einer Psychiaterin aus Bayern. Ist dies professionelles Selbstverständnis, oder noch aufrechtes bürgerrechtliches Engagement oder sind das überzogene Rettungsphantasien, die gar nicht auf dem 21. Jahrhundert fußen? „Mein Vater hat die Zwangsarbeiter bei Krupp gepeinigt, ich muß seine Schuld abtragen.“ Ein weiteres Zitat eines Flüchtlingshelfers.

Es gibt hierzu eine spannende These, die vor vielen Jahren in einem gemeinsamen Seminar von den drei ausgewiesenen Trauma-Koryphäen Peter Liebermann, Arne Hoffmann und Luise Reddemann in der Diskussion mit dem Publikum vorgestellt wurde, zu dem auch ein armenischer Psychotherapeut zählte: Wer sich mit der Täterseite identifiziert, neige eventuell dazu, sich an seinen transgenerationalen Schuldgefühlen abzuarbeiten und sich in einem helfenden Beruf zu engagieren (oder besser: aufzureiben?). Wer sich hingegen mit der Opfer- oder Überlebendenseite identifiziere, neige dazu, einen machtvollen Beruf zu ergreifen, um seiner transgenerationalen Hilflosigkeit oder dem transgenerationalen Unrechterleben zu begegnen.

Unsere Richterin hatte sich mit der Kriegsopfer-Seite ihres Vaters identifiziert und reagierte aus dieser Übertragung (fast wäre besser zu sagen – in dieser infizierten Haltung) heraus mit Wut. Jetzt machen wir das Szenario des Gerichtssaales komplett und stellen uns einen Unterstützer vor, der aus seinen Schuldgefühlen heraus reagiert, da sein Vater bei der SS gewesen war. Möglicherweise platzt diesem Unterstützer der Kragen, er könnte wütend einwerfen, „ob wir hier noch im dritten Reich“ seien. In jedem Fall lässt sich leicht die emotional ungeheuer aufgeladene Atmosphäre in diesem Raum vorstellen.

Was hat das alles eigentlich mit diesem Flüchtling, mit seinem Schicksal zu tun, als Kosovare, als Togoer oder Kurde aus dem Irak? Es entpuppt sich eher als der Kampf zwischen den Projektionen der deutschen Beteiligten, ein Schattentheater der Vergangenheit. Schlafende Hunde sollte man/frau nicht wecken…..und es lässt sich doch nicht vermeiden.

Ich möchte Ihnen versichern – dies ist jetzt kein mühsam konstruiertes Beispiel, sondern nur eine alltägliche Situation, die wir so und in Variationen ständig erleben. Es gibt ein aufgeladenes Spannungsfeld, das seit dem 2. Weltkrieg, der Nazizeit, dem Holocaust knisternde Grundemotionen in Deutschland erzeugt und zu unerwarteten Kurzschlüssen führt.

Kollektive Erfahrungen, Identität und individuelles Handeln

Übrigens – was ist das eigentlich für eine Identität, die wir den Zugewanderten anbieten (oder wäre der passendere Ausdruck ‚zumuten’)? Muß ein zugewanderter Mensch diese unangenehme Pille unserer Vergangenheit ebenfalls schlucken, bevor er sich deutsch und zugehörig fühlen darf? Ganz provokant gefragt – muß ein junger Deutscher, dessen Vater aus Anatolien in den 70-er Jahren nach Deutschland kam, Auschwitz besucht haben? (Ich befürchte übrigens nebenbei bemerkt, er könnte tun was er wollte, er würde doch in der Regel als „Türke“ und nur selten als „Deutscher“ wahrgenommen werden.) Ich glaube, es war Joschka Fischer, der meinte, die Auseinandersetzung mit dem Holocaust sei ein, wenn nicht der einzige, Orientierungspunkt einer deutschen Identität. Eine israelische Kollegin und Freundin von mir, die als Psychologin auch als Anti-Semitismus- und Anti-Bias- Trainerin arbeitet, wehrt sich heftig gegen eine solche Verkürzung – die auch gleichzeitig nach ihrem Empfinden die jüdische Identität verkürzt. Möglicherweise lässt sich auch beides nicht unter einen gemeinsamen Hut bringen – die Auseinandersetzung mit der Identität bei den Nachfahren der Täter oder Mitläufer und dieselbe Auseinandersetzung bei den Nachfahren der Opfer und der Überlebenden.

In der Vorbereitung auf diesen Vortrag hatten wir das Glück, über die Vermittlung unseres Vorstandsvorsitzenden Gerhard Gericke Kontakt zu bekommen zu einer Vertreterin der ersten Generation von Psychotherapeutinnen nach dem 2. Weltkrieg. Eine respektable betagte Dame, hellwach im Verstand. In einem Gespräch mit ihr berichtete sie uns von der damaligen Zeit und uns wurde noch mal klar, wie ungeheuer komplex die gesellschaftliche Situation in einer Nachkriegssituation für alle Beteiligten war und ist. Während wir uns im PSZ tagtäglich mit fernen Nachkriegsgesellschaften auseinander setzen – mit dem Kosovo, mit Ruanda, dem Irak, Bosnien - wurde uns hier plötzlich die Nachkriegsgesellschaft in unserem eigenen Land wieder zum Leben erweckt, durch die Erinnerungen einer Pionierin. Sie erzählte uns (aus unserem Gedächtnisprotokoll):

'„Ich war eingesetzt worden in Celle. Dort waren viele englische Rosinenbomber stationiert, sie verdienten gutes Geld und brachten es mit Prostitution unter das ausgehungerte Volk. Es waren schreckliche Zeiten, alle Zimmer wurden doppelt als Stundenzimmer untervermietet. Ich sollte diejenigen Kinder aus den Familien heraus nehmen und fremd unterbringen, die Schaden nahmen an diesen Verhältnissen, aber was hatten wir denn für Alternativen? Und abends nach der Arbeit gingen wir als Trümmerfrauen, es gab ja einfach nichts, wir hatten nur was wir am Leibe trugen und aus Fetzen zusammengeschusterte Lappen, die die Bezeichnung „Schuhe“ nicht verdienten.“

„Wir waren ja alle miteinander traumatisiert und mussten damit fertig werden. Deswegen war es kein Thema. Wir schlossen uns zusammen im Leid und sprachen nicht darüber.“

„Unsere Sozialarbeiterschule war mit Napalm bombardiert worden. Der Asphalt begann zu brennen. Wir trugen solche Brandwunden davon. Aufeinander geschichtet wurden wir auf einem Anhänger zu einem Krankenhaus transportiert. Sie sagten uns „Ihr habt Glück, die Betten sind jetzt frei, die anderen wurden vergast.“ Und wir hatten doch fast nichts, diese kratzigen Pferdedecken, ein bisschen Fett um die Wunden zu versorgen. Als meine Mutter mich abholte, konnte ich nicht laufen, es hat sehr lange gedauert. Wenn sie mich im Wägelchen hinter sich her zog, und die Bomber kamen, dann sprang sie ins Gebüsch.“ Und auf vorsichtige Nachfrage: „Ja, ich lag dann da alleine auf dem Wägelchen.“

„Es war ja soviel Leid da, wohin der Blick auch fiel. Ich denke, es gibt bis heute eine sehr starke Abwehr des Leidens. Das Leiden ist da, aber niemand möchte es an sich heran lassen, es wird einfach abgewehrt.“ Wir stellten uns nach dem Gespräch die Frage, ob hinter oft anzutreffender Einfühlungsverweigerung – nicht bei unserer Gesprächspartnerin, aber häufig in unserem Umfeld - eine Schutzhaltung steckt? '„Es war ja soviel Leid da, wohin der Blick auch fiel. Ich denke, es gibt bis heute eine sehr starke Abwehr des Leidens. Das Leiden ist da, aber niemand möchte es an sich heran lassen, es wird einfach abgewehrt.“'

Wurde von der oft zitierten, oft idealisierten, oft kritisierten 68-er Bewegung die Einfühlung in die Leiden ihrer Elterngeneration verweigert? Gibt es vielleicht in dieser gesellschaftlichen Situation nur zwei Möglichkeiten: Entweder Augen zu und die inneren Hunde schlafen weiter, oder eine Abwehr gegen alle, bei denen Hunde aufwachen und bellen? Wie groß ist unsere Bereitschaft, die Verletzungen aus dieser Zeit zu hören und anzuerkennen? Oder unsere Angst, dies seien Ausweichmanöver, um sich mit der tatsächlichen Schuld nicht mehr auseinandersetzen zu müssen? Hat die politische Besetzung des Themas „Vertreibung“ nicht vielleicht auch damit zu tun, daß dieses Thema woanders kein Gehör fand?


Opfer-Täter-Konfusion

Unsere Richterin aus dem realen Beispiel – haben Sie sich beim Zuhören auch gefragt, ob ihr Vater in einem Kriegsgefangenenlager oder in einem KZ gewesen war? Also zu den Mitläufern oder Tätern oder aber zu den Opfern oder Überlebenden gezählt wird? Ich muß Ihnen ehrlich sagen – ich weiß es nicht. Für die Bewertung von außen ein riesiger, nicht vergleichbarer Unterschied. Für den schlafenden Hund, der im Inneren des kleinen Mädchens immer größer wird, macht dies möglicherweise keinen großen Unterschied – sie spürt die bodenlose Angst des Vaters in jeder Nacht und seine Unmöglichkeit, sich mitzuteilen. Das kleine Mädchen weiß noch nicht viel, was es für unterschiedliche Lager geben mag. Sie fühlt nur das Entsetzen und den Terror, in jeder Nacht aufs Neue. Könnte aus diesem Erleben, dieser Infizierung des kleinen Mädchens heraus, eine Überidentifikation stattfinden? Oder eher ein Unvermögen, sich als erwachsene Richterin in andere Lagerüberlebende einzufühlen?

Es scheint eine ungeheuer lange Latenzzeit zu geben, sich mit diesen Verletzungen und dieser Opfer-Täter-Konfusion auseinander zu setzen. Vor einigen Jahren gründete eine engagierte ältere Kollegin, die die Gräuel des 2. Weltkrieges als Kind miterlebt hat und heute noch die Folgen spürt, den Verein „Kriegskind e.V.“ (übrigens eine lohnende Homepage). Und erst letzte Woche erreichte uns eine Anfrage zu einer Veranstaltung, die sich damit beschäftigen wird, wie MitarbeiterInnen in Krankenhäusern auf die Kriegstraumatisierungen der geriatrischen Patienten und Patientinnen eingehen können. Kriegstraumatisierungen, die lange Jahre verdeckt waren und erst bei einsetzenden Demenzerkrankungen plötzlich wieder virulent werden.

Wenn wir uns jetzt in Deutschland diese lange Latenz ansehen– der 8.5.1945 ist nun mehr als 63 Jahre her – wie können wir dann in Ruanda, in Bosnien, im Kosovo, im Irak einen schnelleren Prozess erwarten? Als ich im Mai im Kosovo war, sagte eine der dortigen Psychologinnen, die selbst ihre halbe Familie in einem Massaker verloren hatte: „Wir nennen uns Traumatherapeuten. Aber keiner hier will Traumatherapie. Die Leute wollen ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen, grundlegende medizinische Versorgung. Wir brauchen Kraft für unseren Aufbau, unsere Unabhängigkeit. Keiner will hören, was wirklich geschehen ist. Es ist keine Kraft da, um zu trauern. Es spielt keine Rolle, ob wir das gut oder schlecht finden. So ist es eben, das ist die Realität.“

Kraftvoll Trauern

„Es ist keine Kraft da, um zu trauern“, sagte meine kosovarische Kollegin. Kraftvolle Trauer – vielleicht könnte das ein Weg sein? Anerkennen, was geschehen ist. Schuldige verurteilen. Kraftvoll trauern, Gefühle zulassen. So könnten die Hunde direkt bellen, sie müssten nicht schlafen und sich verstecken. Damit der Boden bereitet ist, für ein echtes Einfühlungsvermögen und gerechte Entscheidungen. Damit wir auf die Realität reagieren können, und nicht auf die gegenseitigen Projektionen aus der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Oft erleben die deutschen Kolleginnen in unserem Team übrigens die Kolleginnen aus anderen Herkunftsländern als Korrektiv in diesem deutschen Schattentheater. Wir brauchen neue Perspektiven, eine echte Auseinandersetzung, eine gemeinsame Reflektionsebene, auf der Suche nach neuen Maßstäben.

Wir halten große Stücke auf unseren Individualismus. Aber vielleicht können wir dieser kollektiven Prägung nicht entrinnen. Zumindest aber ist es möglich, diese Prägung zu reflektieren. Was heißt es, in einem Land mit dieser Prägung zu leben, was bedeutet es für die Aufnahme von Flüchtlingen?

Eine innere "Stop-Taste"

Stellen Sie sich vor, das Rad der Geschichte liefe in eine andere Richtung und eines Ihrer Kinder wäre im Jahre 2060 Flüchtling im Kosovo. Richter ist ein albanischer Mann, dessen Mutter ein serbisches Konzentrationslager überlebte, und Ihre Anwältin eine hoch engagierte serbische Spezialistin für Asylrecht, deren Vater für seine Beteiligung an den Massakern verurteilt worden war. Es ist mir körperlich richtig unangenehm mir vorzustellen, daß mein Schicksal davon abhängen sollte, ob diese beiden Personen in der Lage sind, sich sachlich über meinen Fall zu verständigen. Wie geht es Ihnen bei dieser Vorstellung?

Ich persönlich würde am liebsten so tun, als sei diese Situation im Gerichtssaal keine Realität, sondern ein Film, der uns die Möglichkeit einräumen würde, ganz kurz auf die „Stop“-Taste zu drücken. Die Protagonisten, die Schauspieler, machen eine kurze Pause. Vielleicht trinken sie einen Schluck, vielleicht raucht der eine oder die andere eine Zigarette am Drehort. Und wir könnten uns kurz fragen: Moment mal. Welche Projektionen sind da gerade? Auf welche schlafenden Hunde sind wir gestoßen? Und was müssten die Protagonisten ändern, wie können wir die Szene noch mal drehen, wenn es einfach nur um diesen individuellen Flüchtling in der aktuellen Realität gehen sollte. Es geht um drei Menschen (Richter, Anwältin, Flüchtling), die auf eine bestimmte Weise miteinander verbunden sind und eine Aufgabe zu erledigen haben – es geht um einen Flüchtling im Gerichtssaal.

Vielleicht wäre es hilfreich, dann wenn unsere Emotionen Wogen schlagen, kurz aufzuhorchen und eine innere „Stop“-Taste drücken zu können. Nicht laut werden, nicht diskutieren, kurz innehalten („nach innen einhalten“). Dem schlafenden Hund einen Namen geben, sich danach mit voller Konzentration der aktuellen Realität zuwenden. Und um schließlich angemessene, humane und sinnvolle Lösungen zu finden für globale Phänomene wie Flüchtlingsströme und Zuwanderung, anstatt sich weiterhin mit verteilten Rollen in einem Schattentheater der Vergangenheit aufzureiben.

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